Pop-Musiker Enter Tainy reagiert mit sarkastischem Song auf die «One Love»-Debatte

One Love ist zu einem Symbol der Heuchelei geworden. Wochenlang bestimmte die Binden-Debatte die Schlagzeilen, wobei die deutsche Nationalelf stets mit übersteigertem Selbstbewusstsein ankündigte, bei der Fußballweltmeisterschaft ein Zeichen für Menschenrechte setzen zu wollen. Am Ende knickte sie vor den Scheichs und der FIFA ein. Knapp eine Woche später wurde bekannt, dass Deutschland mit Katar einen Gas-Deal abgeschlossen hatte. Wenn es um die strategische Energieversorgung geht, spielt One Love plötzlich keine Rolle mehr. Diese Heuchelei thematisiert der Pop-Musiker Enter Tainy in seinem neuen Song, der das titelgebende Symbol als Mogelpackung entlarvt. „One Love – wir stehen zu unseren Werten“, heißt es im Refrain. „One love – Julian Assange in allen Ehren / One love – aber kein Bedarf / One Love“.

Dass der Sänger aus Kassel Julian Assange erwähnt, hat einen guten Grund. Kein anderer dient besser als Beweis, dass der westliche Einsatz für Menschenrechte bloß ein Lippenbekenntnis ist. Obwohl der australische Investigativ-Journalist nur seinen Job tat und Kriegsverbrechen aufdeckte, sitzt er jetzt schon mehrere Jahre in Haft, wird dort psychisch gefoltert und erniedrigt. Seine Menschenrechte tritt der angebliche Wertewesten mit Füßen, geriert sich aber auf Sportveranstaltungen als belehrender Moralist. „Meiner Meinung nach hätte Julian Assange mehr Hingabe und somit auch mehr Liebe verdient“, sagt Enter Tainy. „Hochrangige Politiker hätten sich viel mehr für ihn ins Zeug legen und seine Freiheit fordern müssen.“ Das Schicksal Assanges führe vor Augen, dass nicht alle gleichbehandelt würden. „Und das passt dann nicht mit dieser One-Love-Darstellung zusammen“, so der Sänger.

Musiker Enter Tainy mit Hund

Solche Debatten wie vor und während der Weltmeisterschaft seien Schall und Rauch. Sie dienten mehr der Ablenkung als der Problemlösung. In seinem Song klingt das so: „All das Gekicke macht nicht mehr high / Die ganze Debatte nur Ablenkerei / Brot und Spiele, Netflix und Wein“.  Das mediale Tamtam um One Love, so Enter Tainy, solle überdecken, dass im Hintergrund das System umgebaut werde. „Raus aus dem Leben, rein in eine ideologische Lügenwelt“, beschreibt er den Effekt.  Die Debatte lasse die Gemüter hochkochen und sorge zugleich für Spaltung und Spannung. Enter Tainy sieht darin eine bewusste Strategie. „Das ist gewollt“, sagt er. „Die Leute werden darauf programmiert, dass man nur noch eine Meinung, die Richtige, haben darf.“

House- und Synhie-Klänge

Obwohl der Song textlich am Puls der Zeit bleibt, recycelt er musikalisch einen 80er-Sound, der von U2 inspiriert ist, jedoch auch House- und Synthie-Klänge enthält. Er regt zum Tanzen an, legt in die Bewegung aber eine bedeutsame Message. „Eigentlich müsste es More Love heißen“, sagt Enter Tainy, „oder besser noch: Real Love. Aber mit was Echtem, kann man in dieser Welt der Täuschung und Lügen nichts anfangen.“ Darum greift der Sänger zu Ironie und Sarkasmus. Sie finden sich in fast jeder Zeile und hören sich bisweilen so an: „All das Geknicke von Robert am Quai / Wie war das nochmal mit Nordstream 2 / Transformation auf Biegen und Brechen / die Cumshots der Ex habe ich längst vergessen / Die richtigen Freunde das Timing perfekt / Ich mach auf Rummenigge, trag die Rolex im Gepäck / Business as usual, was soll schon sein / Was kostet die Welt? Ich pack sie Dir ein.“

Während Enter Tainy in dieser Strophe auf die Cum-Ex-Affäre anspielt sowie auf die nicht deklarierten Rolex-Uhren, die Bayern Münchens Fußballfunktionär Karl-Heinz Rummenigge einst nach einem Katar-Besuch zu deklarieren vergaß, verweist er in einer anderen Zeile auf die kürzlich ausgestrahlte Reportage mit der Fernsehmoderatorin Mo Asumang, die darin den Journalisten Ken Jebsen traf, um ihn und alle Kritiker der Corona-Politik zu diffamieren: „Raus aus der FIFA, DFB , ÖRR / Mo Asumang blamiert sich im Schnee / Ken Jebsen pariert auf einen Schuss von Pele“, heißt es ein wenig verklausuliert. Ironie sei in der derzeit tristen gesellschaftspolitischen Situation das Einzige, was übrigbleibe, kommentiert der Pop-Musiker seinen Griff zu diesem Stilmittel. Sie eigne sich hervorragend dafür, die Hörer zum Nachdenken zu bringen. Es bleibt zu hoffen, dass sein Song bis zu der deutschen Nationalelf durchdringt – und zu allen, die sich daran beteiligt haben, die One-Love-Debatte aufzubauschen.

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