Herr Mohr, im vergangenen Jahr ist Ihr Novellenband „Verglühende Sterne“ erschienen. Insgesamt ist es mittlerweile der 15. Schaut man sich Ihr Werk an, findet man abgesehen von zwei Romanen ausschließlich Novellen. Was fasziniert Sie an diesem Genre?
Es ist das Außergewöhnliche, oft durch eine dramatische Wendung dargestellte Ereignis, das mich fasziniert. Lange und ausführliche Beschreibungen entsprechen mir weniger. Es darf aber auch das Fantastische hineinspielen, obwohl das nicht zu den primären Merkmalen einer Novelle zählt. Auch „Die Verwandlung“ von Franz Kafka oder „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf, die durchaus als Novellen gelten, weisen fantastische Elemente auf.
Die Novelle hat im deutschsprachigen Raum eine besondere Ausprägung erfahren und war lange Zeit sehr beliebt. Heute weiß kaum noch jemand, was das ist. Wie würden Sie eine Novelle charakterisieren?
Für mich ist die Novelle in erster Linie eine unerhörte, gegenwärtige Begebenheit. Der Begriff „novella“ weist zwar auf eine kleine Neuigkeit hin, aber „klein“ kann auch bedeuten, dass sich Dinge zu formieren beginnen, deren Relevanz noch gar nicht abzuschätzen ist. Vielleicht könnte man die Novelle mit dem Einschlag eines Steins in ein stehendes Gewässer vergleichen. Die weitläufigen Kreise, die sich daraufhin zu bilden beginnen, entsprechen dann eher dem Roman.
In „Verglühende Sterne“ schwingt in den Geschichten immer eine leichte Kritik an den gesellschaftspolitischen Verhältnissen mit. So auch in den vorherigen Novellenbänden. Wenn Sie sich das Zeitgeschehen anschauen, welche Entwicklungen beschäftigen Sie derzeit am meisten?
Es geht mir primär um das Verhältnis des Einzelnen zum Kollektiv. Aber auch um Schicksal. Mich interessiert die Frage, was man einbüßt, wenn man die Maximen von Kollektiven übernimmt. Die gegenwärtige Entwicklung bietet dafür Stoff genug. Man spricht zwar hinsichtlich der Gesellschaft von einer zunehmenden Individualisierung, aber im Grunde handelt es sich um eine umfassende Vereinzelung. Kollektive – Parteien, der moderne Staat, aber auch die Industrie – benötigen vereinzelte, isolierte Individuen. Diese sind letztlich alle gleich und ohne Identität.
Bei so viel Stoff, wie ihn die heutige Zeit bietet, müsste doch auch bei Ihnen die Lust vorherrschen, die sozialen Probleme und Konflikte in einem Roman zu verarbeiten. Haben Sie das vor? Oder wollen sie bei der kurzen Form bleiben?
Mein Ansatz ist nicht, Konflikte zu verarbeiten, sondern Geschichten zu erzählen. Dass diese Geschichten sich auf das Zeitgeschehen beziehen, ist für mich naheliegend. Mir ist jedoch seit jeher die Sprintdisziplin näher als der Langstreckenlauf oder gar der Marathon. Deshalb werde ich wohl vorerst bei der kurzen Form bleiben. Aber das kann sich auch ändern.
Wie sind Sie zum literarischen Schreiben gekommen? Von Haus aus sind Sie eigentlich Architekt. Was hat Sie dazu bewogen, das Fach zu wechseln?
Das war kein bewusster Entscheid. Ich würde das vielmehr als Fügung bezeichnen, als eine sanfte, unbeabsichtigte Hinwendung zum Schreiben. In der Architektur überwiegt das Technische, Kalkulierbare. Da ist heute wenig Raum für Ausdruck und Gestaltung. Das zeigt sich auch darin, dass die Häuser immer mehr zu Unterkünften und die Städte zu undefinierbaren Ballungszentren werden. Dem kann man sich als Architekt gar nicht entziehen.
Haben Sie literarische Vorbilder?
Vorbilder ist vielleicht zu absolut ausgedrückt. Es gibt aber Autoren, die ich sehr gerne lese. Etwa die Romantiker wie E.T.A. Hoffmann und Eichendorff, dann natürlich Kafka, Dino Buzzati, Ernst Jünger, Hartmut Lange. Auch Monika Maron mag ich sehr.
Sie haben nun viele Namen aufgezählt. Können Sie auch sagen, warum Sie diese Autoren mögen? Was gefällt Ihnen an deren Literatur? Bei Kafka sind sich fast alle einig. Aber Ernst Jünger zum Beispiel gilt als umstrittener Schriftsteller. Wie verteidigen Sie ihn?
Ich beurteile Autoren nach ihrem Werk, nicht nach ihrer vermeintlichen Gesinnung. Nur weil Jünger seine Emotionen zurückhielt und genau beschrieb, was er sah, war er noch lange kein Kriegsverherrlicher. Im Gegenteil: Er wurde dadurch zum unbestechlichen Zeitzeugen. Besonders hervorzuheben ist sein bildhaftes, assoziatives Denken und seine Bereitschaft, dem Metaphysischen Raum zu geben. So etwa im Essay „An der Zeitmauer“. Seine Tagebücher, insbesondere „Siebzig verweht“, sind für mich unter anderem auch deshalb interessant, weil sie einen Zeitraum abdecken, den ich selbst erlebt habe. Zudem lebte Jünger ab 1951 in Wilflingen, das gar nicht weit von Schaffhausen entfernt ist.
Die Romantiker, aber auch Dino Buzzati und in einem gewissen Sinn Hartmut Lange sind mir auch deshalb nahe, weil sie die Wirklichkeit, also das, was schicksalhaft wirkt, in die gemeinhin sachlich-neutrale Realität miteinbeziehen. Das hat bisweilen etwas Märchenhaftes. Es ist wohl auch kein Zufall, dass die Märchen in der Romantik durch die Brüder Grimm wieder an Bedeutung gewannen.
Ihre Bücher erscheinen in dem kleinen Schweizer Loco Verlag. Allerdings ist es heutzutage sehr schwierig, auf dem Buchmarkt zu bestehen. Mit welchen Herausforderungen sind Sie und der Verlag konfrontiert?
Ich bin seit jeher damit konfrontiert, dass der Mainstream instinktiv registriert, wenn jemand nicht „herdentauglich“ ist. Das muss man dann einfach akzeptieren. Aber natürlich hat sich die Ausgrenzung Andersdenkender seit Corona massiv verschärft. Kontaktschuld steht jetzt im Vordergrund; was in den Büchern steht, ist zweitrangig. Für den Verlag (aber auch für mich selbst) bedeutet die aktuelle Situation, dass man andere Kanäle sucht. Die Buchmesse in Halle war diesbezüglich ein Meilenstein und macht Hoffnung.
Könnten Sie das ein wenig ausführen? Inwiefern war die Buchmesse „SeitenWechsel“ ein Meilenstein? Was haben Sie dort erlebt?
Es war eine Messe zum Durchatmen. Eine gute, ausgelassene Stimmung, interessante Leute und eine freie Atmosphäre, so, wie das vor einiger Zeit noch selbstverständlich war. Ein befreundeter Literaturprofessor drückte es sinngemäß so aus: „Wieder eine richtige Buchmesse, und wir waren beim ersten Mal dabei.“
Sie haben zuvor erwähnt, dass der Mainstream instinktiv registriere, wer nicht „herdentauglich“ sei. Damit sprechen Sie die Cancel Culture an. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser subtilen Art der Bestrafung gemacht?
Entsprechende Mechanismen bekam ich schon früh zu spüren. Die „Herde“ spürt wie gesagt sofort, wenn jemand nicht dazugehört. Ich habe mein Leben lang nicht dazugehört und konnte mir deshalb eine gewisse Freiheit bewahren. Seit ein paar Jahren wird es jedoch deutlich enger. Gegenwärtig versucht man mich mit einem Büchlein, das ich von 15 Jahren in einem „falschen“ Verlag herausgegeben habe, aufs Glatteis zu führen und ebenso mit der Teilnahme an einem Literaturgespräch, das von demselben, „falschen“ Verlag initiiert wurde. Solche Dinge können durchaus auch die Existenz gefährden.
Herr Mohr, könnten Sie zum Schluss noch verraten, woran Sie momentan arbeiten? Wann können die Leser mit Ihrer nächsten Veröffentlichung rechnen?
Ich habe soeben einen Novellenzyklus mit dem Arbeitstitel „Schattenlose Lichter“ beendet. Die Protagonisten begegnen dabei eher zufällig historischen Persönlichkeiten (Le Corbusier, Galilei, Thomas Morus etc.) und kommen mit ihnen ins Gespräch. Das führt zu kritischen Reflexionen und Fragen, und manche der vermeintlichen Größen werden dabei vom Sockel gestoßen oder zumindest infrage gestellt. Das Buch sollte Ende 2026 oder im Frühjahr 2027 erscheinen.
