Der Traum vom Schriftstellerdasein ist weit verbreitet. Doch nur die wenigsten können ihn auch leben. Der Weg ist ein steiniger, die Arbeit am Text zermürbend und hart. Wer irgendwann ein eigenes belletristisches Werk in den Händen halten will, muss diszipliniert sein, muss ständig schreiben, muss durch Täler gehen und lernen, mit Rückschlägen fertigzuwerden.
Nero Campanella weißt das. Der Autor, 1977 in Saarbrücken geboren und mittlerweile in Tübingen lebend, schreibt seit über dreißig Jahren – nach eigenen Aussagen täglich. Nach etlichen Absagen diverserer Verlage erhielt er 2021 ein Stipendium für einen zweimonatigen Studienaufenthalt im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf in Brandenburg.
Herausgekommen ist das Buch „Wie ich unsterblich wurde“, ein satirischer Roman, der genau das thematisiert: den harten Weg zum Schriftstellerdasein. Campanellas Protagonist namens Decker weist viele Gemeinsamkeiten mit ihm selbst auf. Auch er ist in Saarbrücken geboren, auch er erhält ein Stipendium für einen Studienaufenthalt im Künstlerhaus in Brandenburg, auch er schreibt einen Roman, in dem der Protagonist als Stipendiat in Brandenburg an einem Roman arbeitet. Eine Verschachtelung auf drei Ebenen, ein auto- und metafiktionales Spiel, das den Textrahmen sprengt und in das wirkliche Leben hineingreift, zumal auch Campanella im Roman namentlich auftaucht.
Gegenwartsdiagnose, Ideologiekritik, Ennui
Wie der Autor will auch der Protagonist ein Werk hinterlassen, das ihn überdauert. Mit diesem Ziel zieht er in der Brandenburger Villa ein und berichtet nicht nur von seinen Erlebnissen in, sondern auch von skurrilen Begegnungen abseits dieser kleinen Künstlerwelt. Hier und da werden Rückblenden eingeflochten, die unter anderem in Deckers Studentenzeit führen. Campanella verbindet viele Episoden, die ein Mosaik aus Gegenwartsdiagnose, Ideologiekritik und Ennui ergeben, bisweilen aber auch in ein Labyrinth führen, in dem die Orientierung schwerfällt.
Decker fabuliert und erzählt, er spricht den Leser direkt an und polemisiert. Die Einsamkeit des Schreibens scheint ihm zu Kopf zu steigen, weshalb sich gelegentlich Anzeichen von Größenwahn zeigen: „Am Abend lese ich eine Stunde querbeet Romane, um zu ermitteln, ob es da draußen im Universum bessere Autoren gibt als mich, und sie, falls ja, mit Flüchen zu belegen“, heißt es an einer Stelle.
Unverkennbar ist, dass der Protagonist an der Welt leidet. Er fühlt sich darin nicht wohl und teilt entsprechend aus – gegen alles und jeden, vor allem gegen die woke Kultur, die in einigen Gesprächen ad absurdum geführt wird. Als Ich-Erzähler ist er aber auch äußerst unterhaltsam, vor allem dort, wo er sein schriftstellerisches Talent mit originellen Sprachbildern wie diesem unterstreicht: „Karo und Franz sahen aus wie die Queen, nachdem Donald Trump an ihrer Tafel laut gefurzt hat.“
Popkulturelle Bezüge
Neben solchen Analogien finden sich bisweilen Passagen, in denen eher ein essayistischer Duktus vorherrscht: „Negativität wird in Fiktionen aufgehoben“, philosophiert der Protagonist mit einem Faible für Hegel. „Amoral als Kunstwerk ist moralisch und die Darstellung von Unheil heilsam.“ Decker, der wie Campanella mit kurzen Sätzen operiert und abgesehen von derartigen Sentenzen sich überwiegend auf Alltagssprache konzentriert, lebt überwiegend in der Fantasie, in den Sphären des Geistes, in einem Zustand der Tagträumerei.
Was gesellschaftspolitisch um ihn herum passiert, scheint ihn nicht wirklich zu interessieren. Obwohl sein Aufenthalt im Künstlerhaus in die Zeit der Corona-Krise fällt, wird sie vollständig ausgeklammert, als hätten die Maßnahmen und die daraus resultierenden sozialen Spannungen überhaupt keine Auswirkung auf seinen Alltag. Auch die Bundestagswahl lässt er emotionslos an sich vorbeiziehen. Zwar macht auch er ein Kreuzchen, aber so pragmatisch, wie es nur ein weltabgewandter Schriftsteller tun kann. Viel lieber schaut er Filme und nimmt in seinem Erzählfluss gerne darauf Bezug.
Über diese Art der Darstellungsweise ist es Campanella gelungen, einen modernen, einen klugen wie witzigen Roman zu schaffen, einen, der mit seinen metafiktionalen und popkulturellen Verweisen die Leser aktiviert. Im Zuge der Lektüre müssen sie mitdenken und so manche codierte Stelle entschlüsseln. Damit wird von ihnen die gleiche intellektuelle Leistung abverlangt, wie sie der Schriftsteller im Prozess der Produktion erbringen muss. Wie gesagt: keine leichte Angelegenheit.

Oh das klingt spannend . Das werde ich wohl lesen. Danke für die gute Beschreibung. Und gern weitere Besprechungen, dient mir doch zur Entscheidungsfindung.