Kabarettist verliert einen Großauftrag – Cancel Culture am Beispiel von Ludger K.

Seit jeher ist es die Aufgabe des Kabaretts, sich auf politisch-gesellschaftliche Missstände zu beziehen und dabei Satire und Polemik so zu verbinden, dass weder Humor noch Kritik zu kurz kommen. Während der Corona-Zeit haben sich das nur wenige getraut. Das lag unter anderem an dem heftigen Gegenwind, der den Kabarettisten entgegenwehte, sobald sie die Widersprüche der Maßnahmen-Politik durch den Kakao zu ziehen begannen. Das passierte unter anderem Liza Fitz, die sich bei einem Auftritt in der SWR-Sendung «Spätschicht» über die Verdachtsfälle von Impfnebenwirkungen ausließ und daraufhin medial unter Druck geriet. Dieser war so groß, dass Fitz sich aus der Show zurückzog.

Was der Kabarettistin widerfuhr, ist in der heutigen Zeit kein Einzelfall. Ihr Kollege Ludger K. wurde nun ebenfalls Opfer dessen, was man gemeinhin als Cancel Culture bezeichnet. Wer eine vom Mainstream abweichende Meinung vertritt, dem droht der soziale Ausschluss. Den Betroffenen wird die öffentliche Plattform entzogen, sodass sie in Schwierigkeiten geraten, ihren Beruf auszuüben. Sie werden wirtschaftlich vernichtet – still und heimlich. Der Fall Ludger K. veranschaulicht, wie die Methoden aussehen können. Was war passiert? Der Kabarettist wurde von einem familiengeführten Ruhrgebietstheater als Moderator eines Varietés gebucht. Das Engagement sollte ganze vier Monate dauern, was in der neuen Normalität und nach den vielen Monaten der Kulturschließung Hochgefühle auslöst. Über so einen Auftrag freuen sich Künstler. Für Ludker K. hätte er den größten Teil seiner Einnahmen in diesem Jahr generiert.

WAZ interveniert

Doch dann kam die Regionalzeit WAZ Bochum ins Spiel bzw. deren Chefredakteur. Dieser soll beim Theater angerufen und Druck ausgeübt haben. Dabei wurde auf Ludker K.s kritische Haltung gegenüber den Corona-Maßnahmen und der Impfung verwiesen, die den Betreibern jedoch bekannt war. Sie stimmen bei diesen kontroversen Themen zwar nicht mit dem Kabarettisten überein, sehen darin aber keinen Grund, nicht zusammenzuarbeiten. Der Chefredakteur der WAZ Bochum soll trotzdem nicht lockergelassen haben. Er machte auf einen Kommentar unter einem von Ludker K.s Videos aufmerksam, in dem darüber unterrichtet wird, dass der Kabarettist Werbung für einen Aktienfonds mache. Diesen biete eine Firma mit mehreren Gesellschaftern an, zu denen auch der Ökonom und CDU-Politiker Max Otte gehöre. Er wiederum wurde von der AfD als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen.

Was genau der Chefredakteur der WAZ Bochum in dem Telefonat mit dem Ruhrgebietstheater sagte, welche Formulierungen er wählte, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Ludker K. hat dazu ein satirisches Video gedreht, darin das Gespräch in humoristischer Form nachgestellt und dabei, wie er betont, von der künstlerischen Freiheit Gebrauch gemacht. In jedem Fall soll sein Widersacher Druck auf das Theater ausgeübt haben – mit Erfolg. Die geplante Zusammenarbeit wurde daraufhin zurückgezogen. Welches Argument für diese Entscheidung den Ausschlag gab, ist nur zu vermuten. Man kann aber davon ausgehen, dass erneut mit Kontaktschuld gearbeitet wurde. Nur wenige Tage später erschien nämlich ein Schmähartikel des besagten Chefredakteurs. Von einer „gefährlichen Nähe zu Querdenkern und sonstigen Corona-Leugnern“ war darin die Rede, von „Anti-Impf-Polemiken“ und einem „Interview mit der Rechtsaußen-Postille «Junge Freiheit»“.

Instrument der Kontaktschuld

Der wenig charmante Text kommt gewissermaßen als Rechtfertigung daher, warum der Wechsel des Moderators „alternativlos war“. So stand es in dem Artikel, in dem der Autor für seine Vorwürfe „das Netz“ als Quelle anführte. „Natürlich bin ich nicht nur Opfer“, sagt Ludker K. ironisch in seinem Aufarbeitungsvideo. „Ich habe ausgeteilt – auf der Bühne, auf YouTube. Aber ist das nicht mein Job als Kabarettist? Was habe ich verbrochen?“ Das sind ernstzunehmende Fragen, die sich die selbsternannten Wahrheitswächter, Moralisten und Cancler stellen sollten. Satire lebt davon, dass sie aneckt, dass sie den Finger in die Wunde legt und Themen anspricht, die unangenehm sind. Sie soll zum Nachdenken anregen, der Gesellschaft den Spiegel vorhalten.

Pluralismus lebt von unterschiedlichen Meinungen. Demokratie bedeutet, sie ertragen zu können, auch wenn sie nicht die eigenen sind und wehtun. Das fällt heute gerade denjenigen schwer, die sich auf der richtigen Seite wähnen und in den wichtigen gesellschaftlichen Institutionen an den Schalthebeln sitzen. Anstatt eine offene Debattenkultur zu fördern, verengen sie den Raum des Sagbaren. Dass dabei Menschen ihre Existenz verlieren, ist ihnen völlig egal. Doch es ergeben sich auch noch ganz andere Gefahren: Die Kunst wird durch die grassierende Cancel Culture eintönig, konform und fade. Sie biedert sich an, wirkt weniger bissig. Wer als Künstler wegen zu kritischer Äußerungen mit Folgen wie im Fall Ludger K.s rechnen muss, lässt von schweren Themen die Finger weg. Bestrafe einen, erziehe Hunderte, sagte einst der chinesische Staatspräsident Mao Zedong. Die Methode wirkt. Nicht wenige Künstler zensieren sich selbst, aus Angst, nie mehr auftreten zu können.

Kunstvolle Gegendarstellung

Der Fall Ludker K. ist symptomatisch für unsere Zeit, die erneut einen Hauch totalitären Geistes atmet. Wer in ihr als Künstler überleben will, muss viel schlucken, vor allem aber in die Offensive gehen. Wie das gehen kann, demonstriert der Geschundene höchstpersönlich. Anstatt den Chefredakteur zu verklagen, verarbeitete Ludger K. seine Erfahrungen mit der WAZ in einem kabarettistisch angelegten Aufklärungsvideo. Der dreizehnminütige Clip ist so humorvoll und eloquent aufbereitet, dass er ein hochwertiges Kunstwerk darstellt. Er enthält rhetorisch brillante Formulierungen, virtuose Schauspieleinlagen und scharfsinnige Gegenargumente. Der Auftritt beweist, was gutes Kabarett leisten kann – und soll.

In dem Video macht Ludker K. nicht nur deutlich, welchen Schaden die Cancel Culture anrichtet, er legt auch das mittlerweile erbärmliche Niveau des Journalismus offen. Seine Vertreter schwingen sich zu Richtern auf, die darüber urteilen, ob eine Meinung akzeptabel ist oder nicht. Als Maßstab dienen meistens sie selber. Mit Objektivität hat das wenig zu tun, wie eine Sequenz aus dem Clip des Kabarettisten exemplifiziert, in der dieser seine Haltung gegenüber der Corona-Politik so erklärt: „Ich kritisiere generell die sogenannten Maßnahmen, weil ich sie für unangemessen, unmenschlich und vor allem für nicht effektiv halte. Ich spiele nicht unter 2G. Ich mach da nicht mit. Auch wenn’s meine Karriere kostet, ich mache nicht mit. Ich bin nicht gegen Impfen per se. Mein Heftchen ist gut gefüllt. Ich bin gegen Pflicht und Zwang und bringe das gern mit scharfzüngigen Worten zum Ausdruck.“ Daran ist nichts, rein gar nichts zu beanstanden. Es ist sein gutes Recht – erst recht als Kabarettist.

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Ein Gedanke zu “Kabarettist verliert einen Großauftrag – Cancel Culture am Beispiel von Ludger K.

  1. Danke, dass du den Fall hier wiedergibst und der Öffentlichkeit zugänglich machst.
    Viele Menschen, die die Maßnahmen befürworten, sind sich nicht bewusst, unter welchen Druck Andersdenkende inzwischen stehen. Auch bedingt durch die Spielregeln der Kommunikation über Massenmedien werden Kritiker als irrational oder ungebildet (oder beides) wahrgenommen.
    Dass sich echte Menschen mit bedenkenswerten Argumenten dahinter verbergen, sollte endlich ins kollektive Bewusstsein Eingang finden.
    Es ist wichtig, unsere Position sichtbar zu machen und die neuen Formen der Diskriminierung, denen wir uns ausgesetzt sehen, aufzudecken und beim Namen zu nennen.
    Dabei leisten Artikel wie diese aus einen wichtigen Beitrag. Sie ragen als kleine Leuchttürme einer ausgewogenen und differenzierten Meinungsbildung aus der Filterblase heraus, in der sich der öffentliche Diskurs inzwischen befindet.
    Aber ich bin dankbar und zuversichtlich, denn es werden immer mehr, die den wirklich offenen Austausch einfordern und auch in Wort und Tat umsetzen.
    In diesem Sinne: Danke Ludker K. und Danke auch dir, Eugen!

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