7. Dezember 2022

«Impfen – Die ganze Geschichte» – Eine Arte-Doku stellt unangenehme Fragen

„Das Thema Impfen wird seit der Corona-Pandemie besonders kontrovers diskutiert, wobei die Grenze zwischen wissenschaftlichen Fakten und Falschinformationen zunehmend verschwimmt.“ Mit diesen Worten beginnt eine überraschend ausgewogene Arte-Dokumentation, die den Spagat schafft zwischen Kritik und Sachlichkeit. Sie stellt unangenehme Fragen, ohne die Impfung per se zu verteufeln. Sie nennt Vor- und Nachteile eines solchen medizinischen Eingriffs, legt aber auch die noch vielen Wissenslücken offen, die die Wissenschaft derzeit beschäftigen. Kurzum: Die Dokumentation unternimmt den Versuch, Brücken zu bauen und die Kluft zwischen den Lagern zu minimieren.

«Impfen – Die ganze Geschichte» bemüht sich um einen intensiveren Diskurs. Dafür lässt sie renommierte Fachleute aus Wissenschaft, Medizin und Pharmaindustrie auftreten, die verschiedene Aspekte beleuchten, solche wie Immunität, Nutzen und Risiko von Vakzinen oder die Sinnhaftigkeit gesundheitlicher Entscheidungen. Unter diesen Experten finden sich so große Namen wie Gregory Poland, der als Chefredakteur der Fachzeitschrift «Vaccine» fungiert, oder William Foege, der in den 70er Jahren eine Strategie zur Ausrottung der Pocken entwickelte. Zu Wort kommt auch die Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt, Beraterin der österreichischen Regierung während der Corona-Krise, sowie Peter Doshi vom «British Medical Journal». Sie alle gehören zu den moderaten Vertretern dieser Disziplinen und raten davon ab, weder in das eine noch in das andere Extrem zu verfallen.

Einige Krankheiten werden aufgebauscht

Impfungen erfüllen ihrer Meinung nach durchaus ihren Zweck. So sah es auch Louis Pasteur, der französische Mitbegründer der Mikrobiologie, dem es gelang, Keime zu entdecken. Um sie zu bekämpfen, fand er in der Impfung ein wirksames Mittel. Seitdem kommt sie zunehmend zum Einsatz, allerdings immer öfter auch bei Krankheiten, die harmlos sind und in der Regel von selbst verschwinden. Das unterstreichen auch einige der in der Dokumentation auftretenden Fachleute. Die Grippe sei ein gutes Beispiel dafür. Sie werde wohl aus Kommerzgründen aufgebauscht, um den Impfstoff als Rettung präsentieren zu können. Gleiches gilt für Gebärmutterhalskrebs, das von HPV, den sogenannten Humanen Papillomviren, verursacht wird. Allerdings soll das Risiko einer tatsächlichen Krankheit bei gerade einmal fünf Prozent liegen, wobei es sich in diesen Fällen sogar oftmals um eine Krebsvorstufe handelt.

Eine Grafik aus dem Dokumentarfilm / Foto: Screenshot

Trotz der geringen Gefahr werden Impfstoffe angepriesen, obwohl es zum gegenwärtigen Zeitpunkt, wie in der Dokumentation betont wird, keine Erkenntnisse gibt, ob sie die Zahlen überhaupt reduzieren können. Aber selbst dort, wo Vakzine tatsächlich wirken, ist es ihnen vergönnt, für hundertprozentige Immunität zu sorgen. Ein Teil der Patienten spreche nicht auf die Impfstoffe an, heißt es in der Dokumentation – ob sie nun gegen Masern eingesetzt werden oder eine andere Krankheit. Doch das wird gerne ausgeblendet, genauso wie die Nebenwirkungen. Die Probleme, sagen die interviewten Fachleute, begännen schon in der Forschung. Den Pharmaunternehmen sei es über politische Kontakte gelungen, die bürokratischen Hürden für Zulassungen zu senken. Auflagen verlängern die Forschungsdauer, was mit höheren Kosten einhergeht. Deswegen haben es die Hersteller im Laufe der Jahre geschafft, von ihnen entlastet zu werden.

Impfstoffe genießen gesetzliche Immunität

Die unzureichende Transparenz stelle einen wunden Punkt in der Debatte dar und müsse, wie einige Interviewte fordern, unbedingt verbessert werden. Das Maß regulatorischer Maßnahmen sollte bei Impfstoffen eigentlich besonders hoch sein. Stattdessen bewegt es sich auf einem sehr niedrigen Niveau, was auch damit zu tun hat, dass Vakzine als einziges Produkt gesetzliche Immunität genießen. Ein weiteres Problem stellen Mehrfachimpfungen dar. Richten sie einen Schaden an? Und wenn ja, welchen? Auch diese Fragen sind noch nicht völlig geklärt. Trotzdem arbeitet die Pharmaindustrie an weiteren Vakzinen, die sogar gegen Allergien eingesetzt werden sollen. Die Fachleute im Film kritisieren in diesem Zusammenhang die Nutzenabwägung und fordern Augenmaß, zumal es zu berücksichtigen gelte, dass Immunsysteme sehr individuell sind.

Indem die Dokumentation spannende neue Fragen aufwirft, leistet sie einen wichtigen Beitrag zu einer Diskussion, die in Zukunft hoffentlich alle Meinungen einschließt. Um die Auseinandersetzung mit dem recht komplexen Themengebiet verständlich und eingängig aufzubereiten, greift Regisseurin Anne Georget auf ein breites Arsenal filmischer Mittel zurück. Sie verwendet Grafiken und Archivaufnahmen, gelegentlich sogar nachgestellte Szenen mit Symbolcharakter, die sich mit Cartoons oder Ausschnitten aus diversen Werbeclips abwechseln. Zwischendurch ordnet ein Erzähler die Informationen ein und bettet sie bisweilen in einen geschichtlichen Kontext ein. Auf einen Aufklärungsfilm wie diesen hat man im Fernsehen lange gewartet. Er bringt die gegenwärtige Corona-Politik in Bedrängnis, weil sie weiterhin an das Narrativ geknüpft ist, der Impfstoff bringe die Rettung. Es überrascht daher kaum, dass der Film kurze Zeit nach seiner Ausstrahlung aus der Arte-Mediathek entfernt wurde.

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