Doku «Raving Iran» – Illegale Partys als Protest und Inseln der Freiheit

Wir erinnern uns: Der über Monate andauernde Lockdown im Winter 2020/21 war eine lange Leidenszeit voller Verbote. Kulturveranstaltungen und Partys waren streng untersagt. Einige kreative Rebellen ließen sich den Spaß trotzdem nicht nehmen und veranstalten Techno-Events an geheimen Orten – auf entfernten Waldwiesen, in verstecken Hinterhöfen oder in Autobahnbrücken.

Was in Deutschland während der Corona-Politik eine Ausnahmesituation darstellte, ist im Iran Alltag, nur dass die Strafen weit über Bußgeldern liegen. Wer dort „westliche Musik“ konsumiert, kann im Gefängnis landen. Dennoch gibt es mutige DJs, die dieses Risiko eingehen, um nicht nur ihre Leidenschaft auszuleben, sondern auch ihre Frustration über das repressive System klangvoll auszudrücken. Zwei von ihnen sind Anoosh und Arash, die Protagonisten in der Dokumentation «Raving Iran», denen Regisseurin Susanne Regina Meures bei deren illegalen Auftritten in Teherans Underground der Techno-Szene folgt.

Versteckspiel mit der Polizei

Der Film, zu sehen auf PantaRay, beginnt mit einer Polizeikontrolle. Obwohl die beiden DJs glimpflich davonkommen, veranschaulicht diese Anfangsszene, unter welchem Druck sie ihre Raves veranstalten. Die staatlichen Behörden haben ihre Augen überall und zeigen ständig Präsenz. Geheimhaltung ist daher das oberste Gebot. In vielen Sequenzen sieht man Anoosh und Arash, wie sie in dunklen Zimmern mit Weggefährten telefonieren und darüber sprechen, welche Fehler in der Vergangenheit gemacht wurden, wie sie sich verbessern können oder worauf bei der nächsten Veranstaltung besonders zu achten ist. Solche Telefonate verraten aber auch, dass nicht wenige Rave-Teilnehmer anschließend verhaftet werden.

Die Organisation der Raves erweist sich sehr schnell als ein nervenaufreibendes Unternehmen, bei dem Vertrauen genauso eine große Rolle spielt wie Angst. Die beiden Protagonisten stehen ständig unter Strom, grübeln und äußern nicht selten ihre Gefühle, um den Druck zumindest ein bisschen abzubauen. Aus Sicherheitsgründen nimmt Meures diese und andere Szenen mit der Handykamera auf. Sie ist immer sehr nah am Geschehen, zeichnet Momente der Verzweiflung auf und dokumentiert euphorische Ausbrüche. Anders als erwartet werden diese Augenblicke jedoch nicht mit aufpeitschendem oder sanftem Deep-House-Sound untermalt, sondern mit einheimischer Musik.

Große Chance in der Schweiz

Die lauten Bässe erklingen erst dann, wenn die Party steigt. Anoosh und Arash organisieren sie in der Wüste, als krönenden Abschluss ihrer illegalen Veranstaltungsaktivitäten. Aufgrund des ewigen Versteckspiels mit der Polizei und einer stagnierenden Karriere wollen sie die Techno-Szene desillusioniert verlassen. Doch dann kommt es zu einem Wendepunkt, den Regisseurin Meures geschickt einbaut, indem sie die Geschichte der beiden DJs in die Schweiz verlagert. Dort bekommen Anoosh und Arash eine Auftrittsmöglichkeit auf der Züricher Streetparade, der größten Techno-Party der Welt. Was zunächst wie ein erfolgreicher Gig aussieht, entpuppt sich schließlich als riesige Chance, ihrem Land den Rücken zu kehren und sich ein Leben in Freiheit aufzubauen.

Diese kurze Abenteuergeschichte erzählt Meures dramaturgisch gekonnt, mit düsteren wie farbprächtigen Bilder, mit Szenen der Trauer und tanzender Freude. Weitaus eindrucksvoller erweist sich jedoch die Art und Weise, wie sie die angespannte Atmosphäre im Iran einfängt – sehr sorgfältig und einfühlsam, aber zugleich realitätsgetreu. Ihr Film ermöglicht einen authentischen Einblick in ein autoritär regiertes Land, in dem jeder Winkel des gesellschaftlichen Lebens kontrolliert wird. Unter der Oberfläche, das wird in den versteckt aufgezeichneten Sequenzen sofort deutlich, rumort es in allen Schichten. Wenn die beiden DJs zwecks einer CD-Produktion bei Behörden, Musik-Läden, Grafikfirmen oder Druckereien vorstellig werden und ihr Projekt beschreiben, ist der totalitäre Geist mit Händen zu greifen. In diesen Momenten offenbart sich nicht nur die allgemeine Frustration, sondern auch der Wunsch nach liberalen Reformen.

«Raving Iran» beleuchtet die Strapazen, die ein rebellisches Leben mit sich bringt, führt aber auch vor Augen, dass Menschen selbst unter strengen Kontrollmaßnahmen immer Inseln der Freiheit suchen – und sie finden. Für Anoosh und Arash sind es die Techno-Partys, so wie für viele junge Menschen während des Lockdowns in Deutschland. Sie erbringen den Beweis, dass das Feuer der Freiheit nie völlig erlischt. Auch unter widrigen Bedingungen lodert es weiter und heizt die Menschen an, die Ketten zu sprengen.

Titelbild: Szene aus dem Film / Screenshot

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