«Spione im Vatikan» – Enthüllungsbuch über Geheimdienstaktivitäten des Heiligen Stuhls

Der Vatikan mit dem Papst als Oberhaupt stellt das kirchliche Zentrum des Christentums dar. Gleichzeitig ist er politisch ein eigenständiger Staat, wenn auch der weltweit kleinste. Nichtdestotrotz übt er ungeheure Macht aus, was allein in der ungeheuren Zahl von 1,3 Milliarden Gläubigen begründet liegt, die er repräsentiert. Seit jeher wird ihm deshalb ein außergewöhnlicher Einfluss auf das Weltgeschehen nachgesagt. Ausüben soll er ihn wie alle Großmächte mit einem riesigen Geheimdienstapparat und einem Spionagenetzwerk, dessen Verzweigungen bis heute rätselhaft bleiben, weil der Vatikan offiziell vorgibt, keinen eigenen Dienst zu haben. Daran darf gezweifelt werden, insbesondere nach der Lektüre des neuen Buchs von Yvonnick Denoël. Der französische Historiker und Bestsellerautor hat mit «Spione im Vatikan» ein gewaltiges Werk vorgelegt, das zum ersten Mal von den geheimen Kriegen des Kirchenstaates erzählt.

Im Mittelpunkt seiner Darstellung stehen die Aktivitäten im 20. Jahrhundert, wobei Denoël nicht nur die Spionage des Heiligen Stuhls untersucht, sondern auch Operationen, die sich gegen ihn richteten. Er war, wie es der Autor zu Beginn unmissverständlich ausdrückt, „nolens volens“ in das „Große Spiel“ der Weltmächte eingebunden. Oberstes Gebot soll dabei der Kampf gegen den Kommunismus gewesen sein. Denoël zeichnet ihn von den 30er bis zu den 80er Jahren nach, allerdings nicht chronologisch und entlang der vorhandenen Fakten, sondern eher wie ein Romancier anhand historischer Figuren. Die vielen mehr oder weniger bekannten Namen sind die treibenden Kräfte verschiedener Handlungsstränge, die bisweilen so miteinander verwoben sind, dass man sich stark konzentrieren muss, um den Überblick zu behalten.

Jesuiten und Opus Dei

Wie in einem Thriller erleben die Leser einen Parforceritt durch das Dickicht der Geopolitik, die hinter den Kulissen sehr dreckig werden kann. Die Infiltration von Agenten gehört zu diesem Spiel dazu, und der Vatikan beherrscht es wie alle anderen Staaten, so trickreich wie routiniert. Unter Stalin etwa schleuste er russischsprachige Priester in die Sowjetunion. Im Zweiten Weltkrieg taktierte Papst Pius XII. zwischen den Fronten, während Subalterne fleißig Boten, Sekretäre, Telefonisten oder Offiziere rekrutierten. „Die Spione des Heiligen Stuhls kommen aus allen Gesellschaftsschichten“, schreibt Denoël: „Mitglieder der römischen Aristokratie und Bauern, Bankdirektoren und Italiener, die bei den Deutschen angestellt sind, und Italiener, die bei den Alliierten angestellt sind, ehrliche Leute und Schwarzmarkthändler.“

Mit den Jahren entsteht ein riesiges Netzwerk, in dem Organisationen wie die Jesuiten, das Opus Dei oder der Centro Studi Cattolici eine exponierte Rolle spielen. Alle diese Institutionen haben ihre Schwerpunkte und sind auf unterschiedliche Aktivitäten spezialisiert. Der Jesuitenorden sei zum Beispiel für die Spionageabwehr zuständig, für die Aufdeckung und Verhinderung der Tätigkeit ausländischer Dienste, insbesondere der kommunistischen. Der Centro Studi Cattolici beschränke sich hingegen darauf, Informationen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Finanzen oder Religion zu sammeln. „Der Schwerpunkt liegt auf der Beschaffung von Informationsdokumenten.“

Als weitaus umtriebiger erweist sich das Opus Die. Von Anfang an sei sein Plan gewesen, „inmitten der Demokratien heimlich Einfluss in wirtschaftlichen Schlüsselsektoren auszuüben, insbesondere im Finanz- und Medienbereich. Wie der weitere Verlauf der Lektüre zeigt, erreichte die Organisation ihre Ziele mit Leichtigkeit, vor allem in Spanien: „Minister, Banker, Unternehmer, Journalisten – alle fallen die Treppe hinauf.“ Denoël demonstriert an solchen Stellen seine enorme Rechercheleistung. Die Informationsdichte und Detailfülle sind geradezu überwältigend. Umso länger die Ausführungen andauern, desto offensichtlicher wird der Aufwand, den der Autor auf sich genommen hat, zumal er immer tiefer in den Sumpf aus Organisierter Kriminalität, Politik, Wirtschaft und kirchlichen Institutionen hineindringt.

Rolle der Vatikanbank

Ständig tauchen neue Namen und Organisationen auf – die Grauen Wölfe, das Gladio-Netzwerk, die Freimaurerloge P2, die Cosa Nostra, die Roten Brigaden, die Solidarność. Es ist ein unüberschaubares Geflecht aus Gangstern, Schlapphüten, Politikern, Spekulanten und ja, kirchlichen Würdenträgern, die gar nicht so heilig sind, wie sie immer tun. Im Vatikan scheinen sich die vielzähligen Stränge zu kreuzen. Er ist überall involviert, wenn auch manchmal unfreiwillig. Oftmals aber auch sehr bewusst. Eine besonders unrühmliche Rolle spielt dabei die Vatikanbank, bekannt unter dem Kürzel IOR (Istituto per le Opere di Religione).

Mit ihrer Gründung 1942, so Denoël, habe der Heilige Stuhl das Ziel finanzieller Geheimhaltung verfolgt. Das sei ihm gelungen, wie der Autor ausführt: „Das IOR unterliegt keiner ausländischen Regulierung, zahlt keine Steuern an irgendjemanden und legt seine Konten nicht offen. Bis zum Jahr 2000 durfte es sogar regelmäßig seine Archive vernichten! Diese Einrichtung agiert völlig abgesondert von der Kirche“ – und zieht das organisierte Verbrechen praktisch an: „Die Bank kann Wertpapiere und Geld entgegennehmen: Als Kunden akzeptiert sie im Prinzip nur Priester, religiöse Orden und karitative Einrichtungen. Aber in der Praxis? Schon bald wird sie zum Wohltäter reicher Italiener und anderer, die ihr Geld in Sicherheit bringen wollen.“ Die Bank habe ein neues Geschäftsmodell entdeckt, eine unverhoffte Einnahmequelle: Sie diene als „Deckmantel für internationale Spekulation“.

Die Darstellung dieser und anderer Winkelzüge des Vatikans machen Denoëls 600 Seiten starkes Werk zu einem absolutem Enthüllungsbuch, das Staunen genauso hervorruft wie ein Gefühl der Machtlosigkeit. Was hinter den Kulissen abläuft, sprengt die Vorstellungskraft. Oftmals hat man das Gefühl, einen Roman von John le Carré zu lesen. Die dargestellte Welt ist jedoch real. Wer zumindest im Ansatz erfahren will, wie es in ihr zugeht, sollte das Buch lesen. Es ist nicht nur spannend geschrieben, sondern auch erhellend.

Kulturjournalismus braucht deine Hilfe!

Wer meine Arbeit unterstützen möchte, kann es via Überweisung oder Paypal tun. Herzlichen Dank!

Überweisung:

IBAN: DE85 1203 0000 1033 9733 04
Verwendungszweck: Spende

Spende via Paypal

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.