Event-Reihe «Auftakt» – Violinabend mit Literatur reflektiert die Corona-Zeit

Am Freitagabend fand in der Berliner Galerie Bottega Barone die zweite Veranstaltung der Reihe «Auftakt» statt. Ins Leben gerufen hat sie die Violinistin Marta Murvai, die Kultur wieder für alle erlebbar machen möchte – unabhängig vom Gesundheitsstatus, politischer Gesinnung und Meinung. Nach zwei Jahren Corona-Politik ist das nicht selbstverständlich. Kritische Künstler dürfen nicht mehr überall auftreten. Einige Veranstalter stellen sich quer, andere werden unter Druck gesetzt, ihnen bloß keine Plattform zu bieten. Die Angst vor der Kontaktschuld drängt sie zur Vorsicht. Allerdings ist das Angebot ohnehin überschaubar. Viele Veranstalter haben die Zeit kultureller Zwangspause nicht überlebt. Wer sich hat retten können, lässt es langsam angehen, um abzuwarten, ob nicht neue Einschränkungen den Betrieb wieder lahmlegen. Das fällt auf die Künstler zurück, die nach so langer Pause endlich auftreten wollen. Also schlüpfen sie selber in die Rolle von Veranstaltern – so wie Murvai.

Die Geigerin organisiert nicht nur die «Auftakt»-Reihe, sondern spielt auch auf ihrem Instrument, meist in Kombination mit jeweils anderen Künstlern. Entstanden ist ein vielseitiges Programm, das mehrere Gattungen und Genres einschließt. Standen beim ersten Event vor zwei Wochen noch die Bilder des Künstlers Rocco Barone im Vordergrund, fand gestern ein Violinabend mit Literatur statt. Zu Gast war die Schauspielerin und Schriftstellerin Philine Conrad, die aus ihrem zusammen mit Dieter Brandecker entwickelten Stück «Geistige Gefangenschaft» vorlas. Es handelt sich um eine Art Zeitzeugenbericht der letzten zwei Jahre. In den insgesamt 15 Kapiteln werden Alltagsszenen aus der Corona-Zeit beschrieben, die eindrucksvoll die Verrohung und Spaltung der Gesellschaft vor Augen führen.

Aus Fiktion wurde Realtität

Thematisch deckt das Stück ein breites Spektrum ab. Es geht um Denunziation und das Leid der Kinder, um die Ausgangssperre und Strafen für vermeintliche Verstöße, um Impfnebenwirkungen und Anfeindungen besonders ängstlicher Bürger, die sich zu Blockwarten aufspielen und gegen Menschen ohne Maske gewalttätig vorgehen. So facettenreich die Szenen sind, so oft wechselt die Perspektive, aus der sie erzählt werden. Mal erfährt man das Geschehen aus der Sicht der Opfer, mal aus dem Blickwinkel der Täter. Neben der Ich-Perspektive dominiert vor allem die personelle Erzählweise, angereichert mit vielen Dialogen – in einer Sprache, die im konzisen Stil schnörkellos das Grauen der Corona-Zeit zum Ausdruck bringt.

Schauspielerin und Schriftstellerin Philine Conrad

Als sie das Stück vor einem Jahr geschrieben habe, sagte Conrad zwischen den Lesepausen, seien die Geschichten noch Fiktion gewesen. Es sollte nicht lange dauern, bis aus ihr Realität wurde. Vieles ereignete sich so, wie es in den einzelnen Szenen beschrieben ist. Conrad erzählte, wie nach einer ihrer Lesungen ein Gast genau das bestätigte, was sie vorher vorlas. Auch er soll Ärger mit dem Ordnungsamt bekommen haben, weil er in der Zeit der Ausgangssperre den Müll entsorgte. Es ist geradezu erschreckend, mit welcher Präzision das Stück viele Ereignisse antizipiert hat. Bezeichnend dafür ist eine Szene, die Conrad am Schluss ihres Auftritts präsentierte. Darin erkennt ein Moderator, dass er durch eine unkritische Berichterstattung die vielen Impfnebenwirkungen mit zu verantworten hat. Aktuell ist dieser als Monolog angelegte innere Konflikt insofern, als die Schäden durch die Vakzine auch immer öfter in den Mainstreammedien zur Sprache kommen.

Einführung in die Welt der Klassik

An diese Themen hat auch Marta Murvai ihr Programm angepasst. Die Violinistin trug unter anderem das Stück «Chaconne» aus der D-Moll-Partita von Johann Sebastian Bach vor, in dem es um Leben und Tod geht. Diese beiden Gegensätze prägen seit Beginn der Corona-Politik den Diskurs, in dem immer wieder Elemente des Wahnsinns aufflammen. Daran sollte Eugène Ysayes Solo-Sonate «Obsession» erinnern. Murvai spielte sie mit großer Leidenschaft, die das Publikum emotional berührte. Zwischen ihren Performance-Einlagen führte die Violinistin ein wenig in die Welt der Klassik ein, indem sie das jeweilige Stück kontextualisierte und musiktheoretisch unterfütterte. Bisweilen muteten ihre Redebeiträge wie eine kurze Vorlesung für Laien an.

Violinistin Marta Murvai

In ihrer «Auftakt»-Reihe möchte die Berlinerin von der Klassik den Staub abwischen und sie Menschen zugänglich machen, die mit ihr noch keine Erfahrungen gesammelt haben. Dazu gehört es auch, dass Murvai bei jedem Event andere Aspekte beleuchtet. Mal erläutert sie die kompositorischen Besonderheiten der jeweiligen Stücke, mal konzentriert sie sich auf deren Architektur oder erklärt, was sie mit ihnen verbindet. Die letzten Monate hätten gezeigt, dass sich in der Kulturbranche etwas verändern müsse, findet die Musikerin. Es müsse ein neues Bewusstsein geschaffen werden, für die Bedeutung der Kultur und der einzelnen Kunstformen. Dazu will sie mit ihrer Reihe einen Beitrag leisten. Wie wichtig das ist, haben die Reaktionen nach der Veranstaltung gezeigt. Einige Gäste bedankten sich für die Darbietung der beiden Künstlerinnen. Nach so einer langen Kulturpause ist man froh, dass es noch Möglichkeiten gibt, künstlerische Beiträge in netter Atmosphäre genießen zu können.

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