«Hirschkäferzeit» – Künstler Martin Zels legt lebensbejahendes Album vor

Kritik an den Missständen ist wichtig. Ohne sie wäre die Kunst farblos und trist. Ihre Kraft entfaltet sie jedoch erst dann, wenn sie mit dem Impetus einhergeht, etwas Neues zu schaffen. Diesen Aspekt hebt der gebürtige Bayer Martin Zels hervor. Künstlerisch lässt sich der 55-Jährige nur schwer einordnen. Nach einem Musikstudium hat er zwei Opern und zwei Romane geschrieben, arbeitete lange Zeit an einem Theater und produzierte nebenbei mit Ensembles aller Art klangvolle Musik. Zels bezeichnet sich selbst als jemanden, der sich in den Zwischenräumen bewegt, als Künstler mit Hang zur Romantik. Aus diesem Drang heraus ist nun sein erstes Solo-Album entstanden.

Die insgesamt zwölf Songs sind geprägt von der Sehnsucht nach einer heilenden Welt, von der Suche nach einer authentischen Wirklichkeit, deren Ursprung unter anderem in den Verwerfungen der letzten drei Jahre liegt. Wie bei vielen kritischen Geistern schlich sich bei ihm gerade in der Anfangsphase der Corona-Politik ein Gefühl der Ohnmacht ein, dem er etwas entgegensetzen wollte. „Und der schönste Ausdruck der Kunst ist die Selbstermächtigung“, sagt er. Als Vorbild nahm er sich den Hirschkäfer. Das Tierchen steht wie ein Sinnbild für das gesamte Album, das aus der Stimmung heraus entstanden ist, neue Wege zu gehen und sich von niemandem aufhalten zu lassen. Der Hirschkäfer bringt es mit seinem Geweih auf eine stattliche Größe von sechs bis sieben Zentimeter und muss daher ganz schön ackern, um sein Ziel zu erreichen – die Eroberung des Weibchens. „Dafür muss er mit seinem Gewicht am Baum herumkraxeln und schwer arbeiten“, erklärt Zels. „Der Hirschkäfer weiß genau, was er will, und ist gut gerüstet für das, was er braucht. Das hat etwas Ritterhaftes.“

Diesen Geist hat der Künstler seinem Album eingehaucht. Es trägt den Titel «Hirschkäferzeit» und sei eine kleine Kampfansage an diejenigen, die im Weg stünden, so Zels, der die Kernaussage so formuliert: „Wir wollen ein paar Dinge anders machen. Wir haben etwas vor mit der Welt, und ihr stört.“ Die Anspielung bezieht sich auf die vielen kritischen Geister aus der Protest- und Widerstandsbewegung, die nach den schmerzlichen Erfahrungen der letzten drei Jahre unter anderen Bedingungen leben möchten als bislang. Es sind aber auch all jene gemeint, die inzwischen deutlich wacher sind als früher, sowie die Bewegung der schöpferischen und friedlichen Erneuerung. Wer stört, sind die Politfunktionäre, Konzerne und Meinungsmacher, die das gegenwärtige System um jeden Preis aufrechterhalten wollen. Mit seinem Album will Zels daher eine große Stärke sowie Mut und Selbstvertrauen vermitteln – so wie der Hirschkäfer.

Sphärische und perkussive Klänge

Wer sich die zwölf Songs anhört, findet die Kraft vor allem in den sphärischen und perkussiven Klängen. Zels versprüht sanfte wie melancholische Töne, mischt sie aber mit energischer Musik, die erhebend wirkt und etwas Lustvolles enthält. Bei der Produktion seien jede Menge Instrumente zum Einsatz gekommen – ein präpariertes Klavier und ein Harmonium, Gläser und Schreibmaschine, Triangel, Rassel und sogar eine schamanische Trommel. Das Herzstück bildet jedoch die Handpan. Sie sei einer der Gründe, warum das Album überhaupt entstand, erzählt Zels. Ihm gefalle die „poetische Weite“ des Instruments, die „weitläufige Sphäre“. Die Handpan sieht aus wie ein metallenes Ufo, auf dem gewöhnlich sitzend gespielt wird, meistens trommelnd. Für den gebürtigen Bayer sei das geradezu ideal, weil er mit seinen Händen gerne rhythmisch arbeite.

Künstler Martin Zels

Als die Lockdownzeit samt den späteren xG-Regeln kam, verbrachte er viel Zeit zu Hause und wollte sich auf diesem Instrument ausprobieren. „So entdeckte ich neue Seiten an der Handpan“, erinnert er sich. „Und hatte das Bedürfnis, einerseits meiner Wut und Hilfslosigkeit Ausdruck zu verleihen und andererseits der Welt etwas Schöneheit und Würde zurückzugeben.“ Diese persönliche Stimmungslage findet sich in den Texten der Songs, die um das Thema Liebe genauso kreisen, wie sie die Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken und den Wunsch nach Frieden und Versöhnung mit den Ahnen akzentuieren. Ein Hauch Spiritualität enthält das Album ebenfalls, was Zels so erklärt: „Es ist keine Frage: Revolution oder nicht. Es geht vielmehr um die Erneuerung des geistigen Bewusstseins.“

Gefühl von Aufbruch und Abenteuer

Das Album soll laut Zels ein „fahrendes Lebensgefühl“ vermitteln, ein Gefühl von Aufbruch und Abenteuer. „In mir gibt es auch einen kleinen Jungen, der unternehmenslustig ist“, beschreibt er diese Mentalität, die sein gesamtes künstlerisches Schaffen geprägt hat. Zum Ausdruck kommt dieses Lebensgefühl in seinem kürzlich gegründeten Kollektiv von Künstlern und heilenden Menschen. «Zirkus Josef» hat es der bayrische Tausendsassa genannt. Konzeptuell ist das Kollektiv an die Auffassung fahrender Leute angelehnt. „Sie wird heute wiederbelebt im Sinne einer neuen Welt“, so Zels. Er selber lebt es vor, unter anderem außerhalb der künstlerischen Sphäre. Nach mehrjährigem Engagement an einem Nürnberger Theater verließ er 2017 Deutschland und zog nach Österreich, wo er heute vor den Toren Wiens in einem autarken Wohnwagon lebt.

In dieser Atmosphäre der Abgeschiedenheit ist sein Solo-Album entstanden, mit teils meditativen Klängen, aber auch deutlichen Texten – so wie in dem Song «Roter Teppich», wo Zels im bayerischen Dialekt und sehr metaphorisch Bezüge zwischen Gegenwart und Geschichte herstellt: „Und wieder reiten die Conquistadores / Aus alle Rohres schiaßens uns in unser Maulkorbgsicht / Wir habn die Glocken ghört / Es hat fast niemand gstört / Der letzte Akt von unserer Erlösergschicht.“

Gleichnisse der Seele

In «Alte Märchen» umschreibt Zels hingegen die Sehnsucht nach Geschichten, die eine große Lebendigkeit haben; die über den Sinn des Lebens reflektieren. „Heute wird versucht, genau das zu zerstören“, so der Künstler. „Aber Märchen sind wichtig. Sie sind Gleichnisse der Seele.“ In seinem Song hört sich das so an: „Servus, kloaner Muck  / Geh bitte hol mi wieder z’ruck zu dir / Rumpelstilzchen, kumm / Spinn zu Wein des Wasser um in mir / So lang lass I mir scho des Blaue vom Himmel im Kopf verbiagn / So lang glaub I scho, da Münchhausen könnt endlich sein Zopf verliern / Und zu mancher Frage gibts halt leider koa Antwort.“

Zels «Hirschkäferzeit» erweist sich als ein Potpourri verschiedener künstlerischer Elemente. Es enthält Kritik und positives Lebensgefühl, Kampfansagen und Hoffnungsschimmer, Gleichnisse und Rhythmen, die zwischen sakralen Tönen, sphärischem Sound und instrumentellen Experimenten changieren. Abgerundet wird dieser bunte Klangteppich mit dialektalem Gesang und einigen Einsprengseln in französischer Sprache. Mehr geht nicht.

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