27. Februar 2024

«Living Without Money»– Doku über einen ungewöhnlichen Lebensentwurf

Die Lebenshaltungskosten steigen seit Jahren kontinuierlich. Im letzten Jahr haben die Teuerungen ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Aufgrund der Inflation und exorbitanter Energiepreise bleibt am Ende des Monats immer weniger in der Haushaltskasse. Wie aber überlebt man, wenn kaum Geld vorhanden ist? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Dokumentation aus dem Jahr 2010, die das Lebenskonzept der mittlerweile verstorbenen Psychotherapeutin und Autorin Heidemarie Schwermer vorstellt. Als der Film gedreht wurde, lebte die damals 68-Jährige nach eigenen Aussagen bereits 13 Jahre ohne Geld. Sie hatte ihren ganzen Besitz aufgegeben, um in Zukunft mittellos zu leben, aber sich trotzdem frei und reich zu fühlen.

Ihr Prinzip sei Teilen und Tauschen, erzählt Schwermer im Film und lässt durchblicken, dass sie zu dem Zeitpunkt noch unter dem Eindruck der Finanzkrise steht. Sie bezieht sich immer wieder auf das ins Wanken gekommene Geldsystem und sieht darin eine Bestätigung für ihre Lebensweise. Der Crash stehe kurz bevor, hört man sie immer wieder sagen, wenn sie bei unzähligen Interviews zu Wort kommt. Im Laufe der Jahre hat Schwermers Ansatz eine gewisse Aufmerksamkeit erregt, sodass etliche Initiativen, Vereine und Leitmedien sie einladen, um darüber zu sprechen. Die Kamera folgt ihr zu diversen Veranstaltungen und fängt interessante Szenen ein, in der beispielsweise Kinder in einer italienischen Schule ihr Respekt zollen oder Moderatoren kritische Fragen stellen.

Viele Fragen bleiben offen

Trotz dieser Vorgehensweise kommt aber in der Dokumentation nicht wirklich heraus, wie es die Protagonistin tatsächlich anstellt, den Alltag ganz ohne Geld zu meistern – schließlich lebt sie nicht auf der Straße und reist sehr viel. Wenn Schwermer zu Erklärungen ausholt, bleiben immer Lücken zurück. Zwar gibt sie zu verstehen, dass sie oftmals bei Freunden und Unterstützern übernachtet. Dennoch stellt sich die Frage, wer ihre Wohnung bezahlt. In einigen Szenen gibt sie sogar zu, dass sie manchmal doch ein wenig Geld benutzt – „aber ansonsten brauche ich keines“. Das wirkt nicht sonderlich glaubwürdig, zumal Regisseurin Line Halvorsen leider genau dann die Aufnahmen abbricht, wenn es interessant wird und Schwermers Gesprächspartner Fragen stellen, die zum Kern der ganzen Angelegenheit führen.

Ein bisschen sieht die Produktion aus, als wollte man lediglich die Oberfläche des durchaus extravaganten Lebensentwurfs präsentieren. Wenn die Protagonistin vor einem Publikum spricht, dann meist vor Laien, aber nie vor kundigen Fachleuten mit wirtschaftlicher Expertise. Dabei wäre es höchstinteressant zu erfahren, was sie Schwermer entgegnen würden. Die damalige Rentnerin behauptet im Film felsenfest, dass ein Staat ohne Geld möglich sei. Wenn alle so lebten wie sie, gäbe es keine Probleme – schließlich basiere ihr Ansatz auf Werten wie Nächstenliebe und Harmonie.

Tausch-Projekt im kleinen Rahmen

Dass es in der Realität nicht ganz so einfach ist, würden nicht nur Ökonomen bestätigen. Selbst in der Dokumentation äußern einige Beobachter Skepsis, so wie der Inhaber eines kleinen Ladens. Wie an ihn wendet sich Schwermer mit einer kleinen Frauengruppe, um im Rahmen eines kurzen Projekts das Prinzip von Teilen und Tauschen in die Praxis umzusetzen. In mehreren Sequenzen taucht das mehrköpfige Team in Bäckereien, kleinen Supermärkten oder in einer Wellnesseinrichtung auf, um sich die jeweilige Ware gegen eine Gegenleistung zu erbitten. Sie könnten putzen, Kisten tragen oder mit alternativen Heilmethoden aushelfen, so ihre Vorschläge. Die meisten, auf die Schwermer und ihre Begleiterinnen zukommen, gehen auf den Tausch ein. Doch stellt sich sehr schnell heraus, dass dieses ökonomische Verhältnis nur in diesem kleinen und begrenzten Rahmen funktioniert. Ob die Lebensweise ohne Geld auf gesamtgesellschaftlicher Ebene möglich wäre, bleibt überaus fragwürdig.

Schwermers Ansatz erfüllt genauso wenig die Erwartungen wie Halvorsens Dokumentation, die anstatt Lücken zu stopfen, neue Löcher aufreißt. Dabei stellen sich seit der Finanz- und erst recht nach der Corona-Krise tatsächlich Fragen, wie ein neues System aussehen könnte, in dem Geld eine untergeordnete Rolle spielt und sich nicht dafür einsetzen lässt, Macht auszubauen. Einzelne Personen mögen ganz gut durch das Leben kommen, ohne viel auszugeben. Doch ein gewisser Lebensstandard bedarf einer materiellen Basis. Mit dem bloßen Tausch von Produkten kommt man in der komplexen Welt von heute nicht weit. Denn irgendjemand, deutet gleich zu Beginn des Films ein italienisches Schulkind nach Schwermers Vortrag an, muss ja für die Güter und die Infrastruktur bezahlen.

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Ein Gedanke zu “«Living Without Money»– Doku über einen ungewöhnlichen Lebensentwurf

  1. „irgendjemand […] muss ja für die Güter und die Infrastruktur bezahlen“

    Ein Irrglaube der zeigt wie sehr man die Selbstverständlichkeit des Geldgebrauchs bereits als naturgegeben glaubt.
    Genausogut könnten Güter und Infrastruktur durch alleinigen Tauschhandel, durch maximal gemeinnütziges Handeln, oder auch durch Zwangsarbeit besorgt werden.
    Funktioniert alles im kleinen Maßstab wunderbar, aber auf dem Weg in die Zivilisation hat bislang jede Kultur den Weg vom unmittelbaren Tauschandel über Verwendung von Wertaufbewahrungswaren (Schmuck, Gewürze, Tabak,…) hin zu rein symbolischen Werten (Kaurimuscheln, Anschreibelisten, Nennwertmünzen,…) gefunden: Warum wohl?
    und man darf dabei nicht vergessen daß diese Entwicklung durchaus auch basisdemokratisch zu sehen ist, denn sie ermöglicht auch Kleinverdienern durch Ansparen oder genossenschaftliche Gemeisnchaftsinvestitionen Dinge zu bewirken die sonst nur Machthabern möglich wären.

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