2. Dezember 2021

«Selig & Boggs» – Eine literarische Hommage an Hollywood

Hollywood gilt seit jeher als Mekka aufstrebender Cineasten. Im frühen 20. Jahrhundert avancierte der Stadtteil von Los Angeles zum Zentrum der US-Filmindustrie. Bis 1918 sollen gut drei Viertel aller amerikanischen Lichtspielhäuser nach Hollywood gezogen sein. Der Rest kam bald nach. Um die Traumfabrik in Kalifornien ranken sich viele Geschichten, aber auch Mythen und Legenden. Eine weitere erzählt Christine Wunnicke in ihrem neuen Buch «Selig & Boggs», indem sie das traumhafte Wetter als Grund für die «Erfindung Hollywoods» ins Feld führt.

Die Geschichte handelt von zwei historischen Figuren, von zwei Filmschaffenden, die zwar ähnliche cineastische Ambitionen haben, sich aber in der Einstellung unterscheiden, wo ihre Ziele verwirklicht werden sollen. Während der Filmunternehmer William Selig Hollywood nichts abgewinnen kann und lieber im lebhaften Chicago seine Meisterwerke realisieren will, stört sich sein Spielleiter Francis Boggs an den widrigen Wetterbedingungen der ostamerikanischen Weltmetropole. Ihn zieht es eher in den Westen. Damit ist der Hauptkonflikt auch schon etabliert. Wortgewaltig tritt er besonders dann an die Oberfläche, wenn Boggs seinem Frust freien Lauf lässt. „Das Wetter in Chicago ist eine himmelschreiende, teuflische Katastrophe“, heißt es schon mal.

Lust am Fabulieren

Es ist jedoch nicht der Konflikt und auch nicht die dramaturgische Spannung, die Wunnickes Geschichte ausmacht. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie die Autorin sie erzählt. Beschwingt hangelt sie sich von Station zu Station und überfliegt nebenbei mehrere Jahrzehnte. In ihren Sätzen macht sich die Lust zu fabulieren bemerkbar. Sie sind voll von kreativen Ideen, pointierten Formulierungen und leidenschaftlichen Beschreibungen einer Lebenswelt, die zwar nicht mehr existiert, aber in ihrer Literatur zu neuer Blüte gelangt. Wunnicke gelingt es, mit nur wenigen Mitteln eine authentische Atmosphäre zu schaffen. Als Leser atmet man bei der Lektüre nicht nur ein Stück Amerika ein, sondern auch den Geist der frühen US-Filmindustrie.

Was sich hinter der Kamera ereignet, ist meist interessanter als in den Streifen, die Selig mit seiner Firma produziert. Das liegt unter anderem an den skurrilen Typen, mit denen die beiden Titelhelden bisweilen zu tun bekommen. Figuren wie der Eskimo-Darsteller Frank Minematsu oder der geheimnisvolle Mechaniker Andrej Schustek bieten gute Unterhaltung, ohne sich groß bemühen zu müssen. Ihre humoristische Wirkung verdanken sie überwiegend der auktorialen Erzählinstanz, die sich bei ihren Ausführungen aus einem reichen Schatz an überlieferten Geschichten bedient. Die Leser werden so in einen Sog aus Legenden hineingezogen, in dem Dichtung und Wahrheit ineinander übergehen.

Der Stil erinnert ein wenig an die Literatur Felicitas Hoppes. Er unterstreicht den fiktionalen Charakter der dargestellten Geschichte und reflektiert spielerisch die Bedingungen des Erzählens. Wer sich auf diese Art des Storytellings einlässt, wird mit vielen Überraschungsmomenten belohnt. Im Lauf der Lektüre trifft man immer wieder auf Kuriositäten, auf erzählerisches Kleinod, das nicht unbedingt spektakulär anmutet, aber aufgrund seiner Eigenartigkeit die Aufmerksamkeit fesselt.

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