26. Oktober 2021

«Phizzo» – Covid-Truth-Rap aus dem Underground

Seit einem Jahr steht die Musik-Szene still. Seit einem Jahr warten die Künstler auf ihre Auftritte. Seit einem Jahr schweigen sie – buchstäblich. Obwohl die drastische Corona-Politik ihnen die Existenzgrundlage entzieht, halten sich die großen Namen mit Kritik überraschend zurück. Bis auf einige wenige versucht kaum einer, seine Sorgen und Nöte musikalisch zu verarbeiten. Die Angst anzuecken, diffamiert oder gar medial vernichtet zu werden, ist so groß, dass die Künstler lieber abtauchen, anstatt in die Offensive zu gehen.

Bemerkenswert ist vor allem das Schweigen in der Hip-Hop-Szene. Der Rap, einst als Protestmusik gefürchtet, gibt sich plötzlich ganz kleinlaut. Wer bereits eine gewisse Bekanntheit genießt, wer unter Vertrag steht und von der Musik lebt, fürchtet das Risiko. Kritische Töne sind lediglich aus dem Underground zu vernehmen, wo sich gerade eine Strömung formiert, die unter dem Label Covid-Truth-Rap von sich reden macht. Sie greift die coronabedingten Missstände auf, hinterfragt sie, legt den Finger in die Wunde und zeigt dabei keinerlei Berührungsängste. Einer ihrer Vertreter ist der Berliner Phizzo.

Kritik an etablierten Rappern

Der 39-jährige Rapper hat bereits vier Songs veröffentlicht, die sich mit der Corona-Politik und ihren gesellschaftlichen Folgen kritisch auseinandersetzen. Sie thematisieren die Widersprüche des offiziellen Narrativs, verweisen auf die wirtschaftlichen Schäden und prangern die einseitige Berichterstattung an. In seinem jüngsten Werk «Reise nach Jerusalem» liest Phizzo schließlich auch den etablierten Sprechgesangskünstlern die Leviten. „Rapper spielen Reise nach Jerusalem / Mit ihrem Schicksal glauben, es wird gut ausgehn / Doch immer mehr geben ihnen zu verstehen / Verstummt das letzte Lied wird unter ihnen kein Stuhl mehr stehn“, heißt es im Refrain.

Die Frustration ist groß, so viel macht der Song deutlich. Phizzo kann die Haltung vieler Rapper nicht nachvollziehen: „Sie müssen ja nicht unbedingt Lieder schreiben, in denen sie die Politik direkt angreifen. Es würde schon ausreichen, wenn sie beschreiben würden, wie die Einschränkungen auf sie wirken.“ Dass die Corona-Maßnahmen sie überhaupt nicht beschäftigen, dass sie bei ihnen keine künstlerischen Impulse wecken, kaufe er ihnen einfach nicht ab.

Dementsprechend enttäuscht zeigt sich Phizzo von so manch einem früheren Idol, das entweder in der Defensive verharrt oder verbal all jene angreift, die sich der Protestbewegung anschließen. Und wer sich dann doch traue, die missliche Lage in den eigenen Songs anzusprechen, bleibe weitestgehend vorsichtig, moniert Phizzo. Außer Floskeln komme kaum etwas Substantielles zur Sprache. Das bringt auch eine Zeile in «Reise nach Jerusalem» auf den Punkt: „Leute fragen jedn Tag, wo sind denn unsre Artists / Die dropn einfach weiter ihre inhaltslosen Chrthits“

Phizzos Werdegang

Den Qualitätsrückgang im Hip-Hop hat Phizzo eigentlich schon lange vor Corona bemerkt. Seine Musikkarriere begann vor ca. 20 Jahren, zunächst in der Techno-Szene. Als DJ legte er lange Zeit in Clubs auf, merkte dann aber, dass Electro nicht ausreicht, um sich künstlerisch auszudrücken. Und er hatte viel zu sagen. Also wechselte er das Metier, was ihm nicht sonderlich schwerfiel, weil er einerseits schon immer an Hip-Hop interessiert war und andererseits sich textlich gut ausdrücken konnte. Das merkt man seinen Songs an. Sie zeichnen sich durch knackige Punchlines und viel Esprit aus. Sie enthalten kreative Metaphern und mehrdeutige Vergleiche, die auf humorvolle Weise Verbindungen zwischen den Dingen herstellen.

Phizzos Stil ist ironisch, bisweilen sogar zynisch. Er greift sich gerne Begriffe heraus und modelliert sie kreativ um. Sie werden zu sprachlichen Instrumenten, mit denen er in Battle-Rap-Manier seine imaginären Gegner traktiert. Vor Corona arbeitete er sich noch am sogenannten Autotune-Rap ab und kritisierte das sinkende Niveau seiner Kollegen, das in der Angewohnheit mündet, bei Live-Auftritten mit Playback zu performen. Doch dann kam das Coronavirus und mit ihm der Drang, fundamentale Probleme in den Blick zu nehmen.

In dem Song «Coronoia», das gleich nach dem ersten Lockdown erschien, beschäftigt sich Phizzo noch in relativ sanften Tönen mit der aufkommenden Angst vor dem Virus, die sich gesellschaftlichen ausbreitet und die bestehenden Verhältnisse ins Wanken bringt. Das darauffolgende Stück «Pandemiesanthrop» fällt dann schon konfrontativer aus. In ihm wird all das benannt, was seit gut einem Jahr schiefläuft: die überbordende Panikmache, die tendentiöse Berichterstattung, die Kollateralschäden, die Diffamierung Andersdenkender. Es ist die Sicht eines Rappers, der angesichts dieser Umstände den Glauben an das Gute im Menschen verliert. Er wird sprichwörtlich zum Pandemiesanthropen.

Einen Gang höher schaltet Phizzo in seinem nächsten Song, der bereits im Titel seine provokative Stoßrichtung vorgibt. «Zeugen Coronas» beklagt, dass das Virus zur Religion, ja zum Kult geworden ist. Die Angst vor ihm befällt den Verstand und lässt die Menschen ins Irrationale abgleiten: „Sie tun nur das, was ihr Guru ihnen befohlen hat / Hypnotisiert über Television Broadcast / Glaube statt Wissen ist der Konsens ihrer Botschaft / Man nennt sie liebevoll die Zeugen Coronas“.

Viele dieser Themen klingen auch in «Reise nach Jerusalem» an. Der Fokus liegt aber auf dem Duckmäusertum etablierter Künstler, die mit ihrer zögernden Haltung ihr eigenes Grab schaufeln. Phizzo will ihrem Beispiel nicht folgen. Er schreibt weiter kritische Texte und kooperiert mit Rappern wie Qdenka, SchwrzVyce, Ukvali und Skitekk. In diesem Umfeld ist mittlerweile eine pulsierende Szene entstanden, die an die Truther-Bewegung angeschlossen ist. Besondere Dankbarkeit empfindet er gegenüber Heiko Schrang, Oliver Janich, Eva Herman und Xavier Naidoo. Ohne sie wäre sein Erfolg nicht möglich gewesen, sagt Phizzo. Sie gäben ihm Kraft, trotz der Widerstände produktiv zu bleiben. In der nächsten Zeit, so viel kann er verraten, werde von ihm und seinen Rap-Kollegen einiges zu hören sein: „Wir sind viele, und wir halten zusammen.“

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