23. Februar 2024

Nachtrag zu «Im Wahnsinn gefangen» – Richtigstellung meiner falschen Interpretation

Am 30. Mai habe ich einen Artikel über «Im Wahnsinn gefangen» geschrieben, einen Song der Gruppe Weimar, dessen Video damals viral ging. Darin beginnt ein Mann im Wald Flöte zu spielen. Als er das in der Stadt fortsetzt, folgen ihm immer mehr Menschen, bis sie am Ende in einen Fluss steigen. In meinem damaligen Artikel interpretierte ich diese Szenen als Demonstrationszug: „Nach und nach schließen sich die Passanten ihm an, sodass er immer größer wird und wie ein unbändiger Fluss die Straßen flutet“, steht da. „Diese Metapher wird vor allem am Ende des Clips bemüht, wo die Menge selbst ins Wasser steigt, um einen Bach zu überqueren. Wir lassen uns nicht aufhalten – so die Message.“ Vor wenigen Wochen häuften sich schließlich die Zuschriften, in denen Leser mir vorwarfen, das Video falsch verstanden zu haben. Zu sehen sei kein Demonstrationszug, sondern eine Darstellung des Rattenfängers von Hameln, dem die Menschen blind folgen. Diese Interpretation, so viel Selbstkritik muss sein, ist völlig plausibel und um einiges überzeugender als die meine.

Das schiefe Bild muss deshalb unbedingt wieder gerade gehängt werden. Fangen wir mit dem Rattenfänger von Hameln an. Es handelt sich dabei um eine der bekanntesten deutschen Sagen. Ihr zufolge soll Hameln im Jahr 1284 an einer Rattenplage gelitten haben. Während die Stadt selbst kein Mittel dagegen fand, versprach ein wunderlicher Fremder gegen Bezahlung Abhilfe. Als die Bürger ihm seinen Lohn zusagten, zog er seine Pfeife heraus und pfiff eine Melodie. Plötzlich kamen alle Mäuse und Ratten aus allen Häusern gekrochen und versammelten sich um ihn herum. Daraufhin ging er weiterhin pfeifend aus der Stadt hinaus in die Weser, sodass die folgende Menge hineinstürzte und letztendlich im Wasser ertrank. Auf diese Geschichte spielt Weimars Song-Video unmissverständlich an. Der Protagonist kommt Flöte spielend aus dem Wald in die Stadt und trägt mit der Melodie dazu bei, dass die Bürger ihm bis zum Fluss folgen und schließlich ins Wasser steigen.

Der Rattenfänger im Song-Video / Foto: Screenshot

Das Video endet somit nicht mit einer optimistischen Botschaft, wie ich in meinem Artikel schrieb, sondern umgekehrt: negativ. In der letzten Sequenz sind Leichen zu sehen, die auf der Oberfläche des Flusses von der Strömung gezogen werden. Die Sage dient daher als Allegorie. Es stellt sich nur die Frage, wofür der Rattenfänger von Hameln steht. Einer der Leser, die mich auf die falsche Interpretation aufmerksam gemacht haben, sieht in dem Song-Video eine generelle „Kritik an Menschen, die immer direkt jedem Trend folgen, alles glauben, was sie hören etc.“ Bei dieser Deutung gehe ich jedoch nur teilweise mit, weil der Song-Text durchaus andeutet, dass es sich um offizielle Narrative handelt, nicht bloß Trends: „Gott sei Dank gibt es den Bierkönig, am Ballermann auf Malle / Wenn das Dschungelcamp auf Sendung geht, dann freuen sie sich alle, / Wenn die Bundesnationalelf auf dem Siegertreppchen steht, / Weiß plötzlich jeder Zweite wieder, wie die böse Hymne geht. / Und genau das ist der Grund, warum es keinen interessiert, dass man uns hier schon seit Jahren umfangreich indoktriniert.“

Wofür steht die Tinte?

Der Rattenfänger, so ein Interpretationsvorschlag, ist die Regierung, deren Pfeife die Medien darstellen. Während die staatlichen Institutionen eine ganz bestimmte Ideologie in die Köpfe pflanzen, sorgen die Medien mittels Propaganda und Ablenkung dafür, dass die Bürger sie übernehmen. So ähnlich sieht es ein weiterer Leser, der meinen Artikel nicht nur wegen des Videos kritisiert, sondern auch meine Deutung einer Textzeile bemängelt hat. An einer Stelle singt Weimar: „Jag’ mir die Tinte doch einfach in die Blutbahn, / Wenn dein Leben scheiße ist, dann fühlt sich jede Lüge gut an.“ Ich interpretierte die Tinte als Corona-Impfung, während der erwähnte Leser in ihr „das poetische Bild einer ins Blut der ‚Opfer‘ gehenden, Propaganda transportierenden Druckertinte“ sieht.

Auch diese Deutung klingt plausibler als die meine, muss ich zugeben. Vollends auflösen lässt sie sich jedoch nicht, weil der restliche Text keine weiteren Hinweise darauf liefert. Aber vielleicht habe ich sie auch nur übersehen, weshalb an dieser Stelle ein Angebot an alle Leser ausgesprochen werden soll, mitzudiskutieren und eigene Interpretationen vorzulegen. Gemeinsam kommen wird der Bedeutung auf die Spur.

Titelbild: Screenshot

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