Masken(frei)fahrt

Eine Kurzgeschichte

Schnaufend hievte Nina ihren Koffer auf die Gepäckablage über den Sitzen. Sie hatte es gerade noch so geschafft, obwohl ihr Taxi im dichten Feierabendverkehr kaum vorangekommen war. Erst einmal atmen, tief ein- und ausatmen. Sie war froh, endlich wieder sitzen zu können, nach diesem kraftraubendem Parcourslauf durch den Bahnhof. Der Wagon schien gut besucht zu sein. Sie sah kaum freie Sitzplätze und lächelte innerlich über ihre weise Entscheidung, doch noch reserviert zu haben. Ihr Atem wurde gleichmäßiger. Ruhe kehrte in sie ein, wie ein befriedigendes Gefühl, das man sofort vermisst, wenn es einen Moment lang nicht spürbar ist. Als Nina nach ihrer Wasserflasche greifen wollte, bemerkte sie, wie ihr Sitznachbar in der anderen Reihe genau gegenüber sie mehrmals verstohlen anschaute. Im gleichen Augenblick hörte sie eine Frauenstimme hinter sich: „Oh Gott, wieder so eine.“ Nina war nicht sicher, ob diese Bemerkung ihr galt. Sie tat so, als hätte sie nichts gehört. Eine weitere Auseinandersetzung wollte sie tunlichst vermeiden. Die letzten Wochen und Monate waren anstrengend genug gewesen. „Sehr geehrte Damen und Herren“, meldete sich der Zugführer aus der Kabine, „wir begrüßen die neueingestiegenen Gäste im ICE 976 nach Frankfurt am Main. Unser Zug hat momentan eine Verspätung von zwanzig Minuten. Der nächste Halt ist Braunschweig.“ Zwanzig Minuten nur, lachte Nina in sich hinein, das war für die Bahn ja ein ganz gutes Ergebnis. „Bitte beachten Sie auch die Verpflichtung zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung. Sie muss die ganze Fahrt über getragen werden, und zwar korrekt: über Mund und Nase.“

Nina verdrehte die Augen. In diesem Moment sah sie zwischen den Sitzen vor ihr den aggressiven Blick eines Mitreisenden am Vierertisch, dessen ernste Mimik selbst die Maske nicht verbergen konnte. Nina erwiderte den Blick. Für eine Sekunde fühlte sie sich wie im Western, nur ohne Pistole und ohne den schönen roten Sand unter den Füßen. Aber vermummt war er, ihr Gegenüber, der Cowboy mit dem akkurat frisierten Seitenscheitel. Wieder musste Nina innerlich lächeln. Ihr war natürlich klar, was ihn störte. Nervös rutschte er auf dem Sitz hin und her, mit dem Zeigefinger auf den braunen Tisch klopfend. „Setzen Sie die Maske auf, Sie haben doch gehört, dass es Pflicht ist.“ Nina überlegte, ob sie darauf eingehen sollte. Sich wieder auf diese sinnlose Diskussion einlassen, das wollte sie nicht noch einmal. „Haben Sie mich gehört?“, schrie er nun durch den ganzen Wagon, so dass es alle hören konnten. Nina entschied sich, ihn zu ignorieren. Sie griff zur Wasserflasche und nahm einen großen Schluck, dann noch einen. Seine Worte hallten nach, plötzlich fühlte sie wieder diese Wut. Sie kam auf leisen Sohlen, schlängelte sich durch ihren ganzen Körper, nistete sich in Gewebe und Muskeln ein. „Setzen Sie verdammt nochmal die Maske auf. Kapieren Sie denn nicht, dass Sie uns damit gefährden.“ Solche und ähnliche Vorwürfe hatte sie schon tausendmal gehört. Sollte sie darauf eingehen? Sollte sie die Konfrontation auch jetzt wieder wagen? „Ich habe ein Befreiungsattest“, sagte sie lapidar.

„Ja, genau! Bestimmt von einem dieser Corona-Leugner-Ärzten“, hörte sie die weibliche Stimme hinter ihr.

„Das kann doch jeder sagen“, schrie der Cowboy vom Vierertisch. „Maske auf, sofort!“

„Sie haben mir gar nichts zu sagen“, antwortete Nina. Sie spürte, wie die Wut aus ihr sprach. Auf ihrem Nacken bildete sich ein dünner Schweißfilm. Beide Hände zitterten. „Ich bekomme schwere Atemnot, wenn ich eine Maske trage. Mein Arzt diagnostizierte leichte Ansätze von Asthma.“

„Lcichte Ansätze – dass ich nicht lache! Das ist doch kein Grund. Entweder man hat Asthma oder nicht. Für mich reicht das nicht aus. Setzen sie gefälligst die Maske auf.“

„Sehe ich genauso“, meldete sich die Mitfahrerin von hinten wieder zu Wort. „Leichte Ansätze – so ein Schwachsinn.“

Nina wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte, so perplex war sie. „Ach, das reicht Ihnen nicht“, hörte sie sich sagen. „Soll ich Ihnen vielleicht noch mein Attest vorzeigen?“

„Allerdings!“

Nina schüttelte nur mit dem Kopf und entschied sich, die Diskussion nicht fortzusetzen. Gedanklich zerstreut fing sie an, in ihrer Tasche zu wühlen. Sie suchte nach ihrem Roman von Monika Maron. Ein bisschen Ablenkung würde ihr jetzt guttun. Einfach in eine andere Welt eintauchen, in eine, wo nicht alle so verrücktspielten. Sie konnte es noch immer nicht fassen, wie sich das Leben innerhalb so kurzer Zeit so grundlegend verändert hatte. War sie die Irre oder die Menschen um sie herum? Nina erstarrte bei dem Gedanken, dass das wirklich die neue Normalität werden sollte. Sie wollte lieber sterben als so weiterzuleben. Sie benahmen sich nicht wie Menschen, sondern wie Tiere.

„Na, wird’s bald!“ Er vermutete wohl, dass sie gerade nach dem Attest suchte. Dieser Widerling. Was spielte er sich überhaupt so auf? Nina musste sich zusammenreißen, um ihm keine Beleidigungen entgegenzuschleudern. Aufgewühlt begann sie in dem Buch zu blättern. Ihre Finger gingen durch die Seiten, ohne wirklich nach einer bestimmten Stelle zu suchen. Sollte sie … Nein, lieber nicht. Vielleicht … Nein, nein, auf keinen Fall. Sie versuchte sich zu konzentrieren. «Munin oder Chaos im Kopf» – der Titel passte zu ihrem Gefühlszustand. Nina schlug die Seite 35 auf und fing zu lesen an. Aus dem rechten Augenwinkel sah sie, wie der Cowboy verärgert seinen Platz verließ. Endlich war sie ihn los. Woher kamen bloß die vielen Blockwarte? Früher hatte sie von ihnen kaum etwas mitbekommen. Ihr kam es vor, als wären sie wie Zombies aus alten Gräbern gestiegen. Fürchterlich, dachte Nina. Sie sind das eigentliche Virus. Vermehren sich wie die Hasen und drangsalieren alle, die nicht im Gleichschritt laufen. Wohin soll das nur führen!

„Da ist sie. Die da liest“, hörte sie plötzlich. Der gescheitelte Cowboy kehrte zurück mit einer Schaffnerin. Sie trug eine runde Brille. Ihr braunes Haar war streng zu einem Zopf gebunden, hinter dem die Bügel der FFP2-Maske spannten. Sie musste ständig an ihr zupfen. In den Bewegungen schwang eine gewisse Grundnervosität mit, die auf Nina aggressiv wirkte.

„Darf ich Sie bitten, eine Mund-Nasen-Bedeckung aufzusetzen.“ Nina atmete tief durch. „Ich habe ein Befreiungsattest“, sagte sie, ohne es weiter zu erklären.

„Ein Befreiungsattest, so, so. Und Sie sind sich sicher, dass es nicht gefälscht ist?“

„Gefälscht?“, fragte Nina verdutzt. „Wieso sollte es gefälscht sein? Ich bekomme Atemnot, wenn ich eine Maske trage – vor allem über so einen langen Zeitraum.“

„Na gut, das kann ja jeder sagen. Wir hatten hier schon sehr viele Fälle, in denen die Fahrgäste Atteste von diesen zwielichtigen Ärzten vorzeigten. Von diesem Schiffmann oder wie sie alle heißen. Die akzeptieren wir hier nicht, so viel kann ich ihnen sagen.“

„Was soll das heißen, die akzeptieren sie nicht?“ Nina spürte, wie das Adrenalin hochschoss. „Das ist ein ordentliches Attest, von einem akkreditierten Arzt. Er hat mich untersucht. Er hat bei mir leichte Ansätze von Asthma festgestellt. Die Maske würde bei mir zur Atemnot führen, sagte er. So steht es sogar im Attest.“

„Ja, ja, dort kann vieles stehen“, antwortete die Schaffnerin barsch.

„Diese Querdenker-Ärzte schreiben alles Mögliche, um ihre Schwurblerclique zu befreien“, pflichtete ihr der Cowboy bei.

„Bitte?“ Mehr brachte Nina nicht über die Lippen. Sie rang nach Worten, aber es gelang ihr nicht, ganze Sätze zu formen. Blitzschnell griff sie in die Tasche, um das Attest aus dem Portemonnaie herauszuholen. „Hier. Da steht es.“

„Ich will es gar nicht lesen“, sagte die Schaffnerin. „Was glauben Sie, wie viele solcher Atteste ich gesehen habe. Ein Wisch wie der andere. Bla-bla-bla. Querdenkergesülze. Setzen Sie bitte die Maske auf oder Sie müssen an der nächsten Haltestelle aussteigen.“

„Ich kann nicht … Ich darf nicht …“ Nina fühlte sich ohnmächtig. Ihre Stimme versagte. „Ich habe doch ein Befreiungsattest. Hier ist es. Hier steht doch alles.“

„Setzen Sie bitte die Maske auf. Ich sage das nicht noch einmal.“

„Unglaublich“, schrie der Cowboy, den Kopf schüttend. „Selbst auf eine Schaffnerin hören diese Leute nicht. Kein Respekt vor Autoritäten. Wahnsinn, Wahnsinn.“ Er zog die erste Silbe wie einen Kaugummi in die Länge. „Waaahnsin, Waaahnsinn.“

„Ich habe Sie gewarnt“, sagte die Schaffnerin und ging. „Setzen Sie sich bitte hin“, beruhigte sie den Cowboy. „Ich mache das schon.“

Ninas Herz raste. Am liebsten hätte sie sich weggesetzt, um dieses Ekelpaket nicht ständig zwischen den Sitzen sehen zu müssen. Aber alle Plätze waren besetzt. Und zwei Personen durften momentan ohnehin nicht nebeneinandersitzen – wegen der hohen Ansteckungsgefahr. Nina blickte durch die Reihen und entdeckte einen kräftigen Kerl Mitte Dreißig, der die Maske am Kinn trug. Das beruhigte sie ein wenig. Sie war nicht die einzige „Delinquentin“ hier. Der Cowboy sah aus, als ginge er jeden Moment in die Luft. Mit rotem Kopf und krausgezogener Stirn starrte er sie an, beobachtete jede ihrer Bewegungen. Plötzlich machte der Zug eine Vollbremsung. Sie standen an irgendeinem kleinen Bahnhof. Nina konnte nicht erkennen, wo genau. Sie sah kein Schild, keinen Schriftzug, nur eine kleine Sitzbank aus Metall. „Sehr geehrte Fahrgäste“, meldete sich wieder der Zugführer, „Wegen eines Zwischenfalls müssen wir leider außerplanmäßig halten. Unsere Fahrt verzögert sich um wenige Minuten.“ Was war passiert? Nina stand auf und schaute durch die Reihen, in der Hoffnung, eines der Gesichter könnte einen Hinweis darauf geben, warum sie zum Stehen gekommen sind. Aber alle wirkten genauso irritiert wie sie. Hinten hörte sie die Wagentür aufgehen. „Die Dame links hier“, sagte die Schaffnerin zu einem Bundespolizisten. Nina fühlte ihr Herz klopfen. Die Stimmen im Abteil vermischten sich zu einem störenden Geräusch, das in ihrem Ohr zu stechen begann. „Guten Tag“, begrüßte sie der Polizist. Er wirkte sympathisch. In seinen runden Backen lag etwas Sanftes. „Sie haben sich geweigert, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen?“, fragte er sie. „Selbst nach mehrmaligem Auffordern“, ergänzte die Schaffnerin. Nina sah, wie der junge Kerl nun seine Maske schnell über die Nase zog. „Ja, weil ich ein Befreiungsattest habe.“

„Darf ich es mal sehen“, fragte der Polizist höflich.

„Natürlich, hier.“

Er nahm den kleinen gelben Zettel in die Hand und ging den kurzen Text durch. Nina konnte die Augenbewegung förmlich sehen. Sie konzentrierte sich auf seinen Gesichtsausdruck, versuchte ihn zu lesen, suchte nach Signalen. Der Polizist hob die Augenbrauen. Seine Mundwinkel schoben sich nach oben. In diesem Lächeln sah Nina Wohlwollen, eine empathische Regung. Endlich jemand, der Verständnis zeigte. Es gab nicht nur kaltherzige Menschen. Nach langer Zeit spürte sie wieder so etwas wie Hoffnung. Es war noch nicht alles verloren.

„Der Arzt ist uns bekannt“, sagte der Polizist mit ruhiger Stimme. „Frau Schrammer, Sie steigen hier aus und kommen mit aufs Revier. Sie erwartet eine Anzeige wegen Gebrauch eines unrichtigen Gesundheitszeugnisses.“

Titelbild: Pixabay/Jurai Varga

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