Eine musikalische Zeitdiagnose – Liedermacher El Alemán veröffentlicht neues Album

Die letzten knapp drei Jahre haben viel Stoff für politisch kritische Lieder geliefert. Wer mit der Entwicklung unzufrieden ist, konnte sie nicht untätig verstreichen lassen und musste die Ereignisse künstlerisch verarbeiten – so wie der Berliner Musiker El Alemán. Sein im ersten Corona-Jahr erschienenes Album enthielt ironische wie bissige «Lieder zur Zeit». Wer einen Blick auf das Cover seiner aktuellen Veröffentlichung wirft, erkennt bereits am Titel, dass der Gitarrist und Singer-Songwriter dort anknüpft, wo er 2020 aufgehört hat. «In diesen Zeiten», erschienen im Dezember letzten Jahres, ist wieder ein Album, das die politisch-gesellschaftlichen Umbrüche seit der Corona-Politik verarbeitet und sich Themen wie Freiheitseinschränkung, Ausgrenzung oder Propaganda widmet.

Stilistisch bietet El Alemán in den insgesamt 13 Songs das dar, was seine Musik ausmacht: wohlklingenden Gitarren-Sound, zu dem er mit rauchiger Stimme pointierte Zeilen vorträgt. Die Lyrik ist dabei wichtiger als der Gesang, der Inhalt dominierender als das Metrum. Jeder der Songs drückt Gefühle aus, die nicht wenige Menschen teilen dürften. „In diesen Zeiten würd ich gerne Flügel haben“, beginnt der titelgebende Song, in dem El Alemán seinem Wunsch nach Freiheit Ausdruck verleiht. „Wie ein Vogel könnt ich einfach von hier fliehen / Würde mein Lager auf ner Insel dann aufschlagen / und mich einfach diesem Wahnsinn hier entziehen.“ Das Lied kritisiert ein gesellschaftliches Klima, in dem zunehmend von oben bestimmt wird, wie jeder Einzelne sich zu verhalten hat. „Will nur mein Leben einfach weiter selbst gestalten, / Bin ein Mensch und tauge nicht als Herdentier / Kann Komandos und Befehle nicht aushalten / Und auch Gesetze, die ich nicht kapier“.

Leerstellen und versteckte Hinweise

Dieses Gefühl des Unbehagens prägt das ganze Album. In «Die 5 Sinne» wird das Gespür dafür beschrieben, wie bestimmte Kräfte heimlich, aber merkbar Ängste schüren, die Meinung manipulieren und den Krieg vorbereiten. Wer sie sind, lässt El Alemán offen. Dieses stilistische Mittel gehört ohnehin zu seiner Spezialität. Seine Texte enthalten viele Leerstellen mit versteckten Hinweisen, die die Hörer selber füllen müssen – so wie in dem Lied «Wegbegleiter», in dem der Berliner Gitarrist teilweise summend Kritik an einem musikalischen Vorbild übt: „Hast mich fast mein ganzes Leben lang begleitet“, beginnt die erste Strophe. „Damals hast du meinen Horizont geweitet / Was ist passiert, wie konntest du / Nur auf deine Eitelkeit so sehr reinfallen?“

Albumcover

Wer dieser „gefallene“ Musiker ist, lässt sich nur vermuten. Es könnte Marius Müller-Westernhagen sein, vielleicht aber auch Wolf Biermann, auf den diese Zeilen sicherlich zutreffen, wenn man bedenkt, dass El Alemán ebenfalls in der DDR sozialisiert worden ist: „Ich war von deinen Liedern früher fasziniert, / Hattest die Obrigkeit damit ganz schön frustriert / Mit deiner Kraft und deiner Wut, / Gabst du so vielen Menschen damals neuen Mut.“ Am Schluss des Songs macht der Gitarrist deutlich, dass das musikalische Vorbild sich als Person weit vom Inhalt der Texte entfernt hat. Während diese noch immer ihre Kraft entfalten, verblasst deren Schöpfer zunehmend und versinkt in der Bedeutungslosigkeit: „Doch deine alten Lieder leben weiter, / Sie sind stärker, viel stärker längst als du.“

Metaphern und Vergleiche

In die Vergangenheit blickt auch der Song «Rien ne va plus». El Alemán erinnert darin an die Anfänge der wohl dunkelsten Zeit deutscher Geschichte, indem er die Erfahrungen seiner Eltern wiedergibt. Als diese Kinder gewesen seien, heißt es darin, „zerrüttet war das Land / Keiner wollte wirklich glauben, dass schon bald ein Krieg anstand / Dabei war’n die Zeichen deutlich, doch man wollte sie nicht sehen / Und dachte nur, die dunklen Wolken wird der nächste Wind schon bald verweh’n.“ Wie schon in mehreren Stücken auf seinem letzten Album zieht der Singer-Songwriter Parallelen zur Gegenwart und gibt zu verstehen, dass sich einige Muster wiederholen. Man müsse sie nur deuten können: „Will man die Gegenwart begreifen“, singt er im Refrain, „reicht ein Blick in diese Zeit / Wie viele Bilder sich jetzt gleichen. Sind wir wirklich schon so weit?“

Neben Vergleichen wie in «Rien ne va plus» greift El Alemán gerne zu Metaphern und Allegorien. Ein gutes Beispiel ist der Song «Gerat Reset – Aus der Sicht eines Experten», in dem die Welt als ein Computerprogramm dargestellt wird. Die Bezüge zur Corona-Politik sind offensichtlich, nur dass der Berliner Liedermacher sie in der Informatiksprache herstellt: „Milliarden von Viren, die nichts produzieren, / Fressen den Speicherplatz auf / Muss sie streng kontrollieren oder eliminieren, / Das System hält sie nicht länger aus.“ Mit der Überführung der Gegenwart in ein Computerprogramm spielt El Alemàn auf den Transhumanismus und Digitalisierungswahn des World Economic Forums an, während er sie in «Hilf mir raus» nicht weniger bildhaft als Kinoproduktion beschreibt, als einen fiktionalisierten „Horrorstreifen“, der irreale Züge trägt.

Hoffnungsvoller Abschluss

Der Song versprüht eine gewisse Melancholie. Sie umgibt viele Stücke des Albums, macht gelegentlich aber auch helleren Tönen Platz. Beschwingt kommt zum Beispiel «Trolle» daher, ein Lied mit Country-Anklängen. Als schwungvoll erweist sich zudem der Song «Das Maß ist voll», in dem ein Chor für einen Ohrwurm sorgt: „Nein, wir brauchen euch nicht mehr, das Maß ist voll, wir werden euch entlassen“, singen Nora Weifenbach, Kerstin Reimann und Karsten Troyke, der auch dieses Album produziert hat. „Seht, unsere Taschen sind längst leer, geplündert habt ihr alle vollen Kassen.“

Ganz ohne Text kommt hingegen das Stück «Verbrannte Zeit» aus. El Alemán zeigt darin sein instrumentales Können, indem er aus seiner Gitarre Töne herauszaubert, die eine bedrohliche Stimmung erzeugen und dadurch den Ernst der Lage vermittelt. Hoffnungsvoll klingt dagegen der Song «Der gerade Weg», mit dem der Musiker das Album optimistisch abschließt: „Der gerade Weg ist schwer, im Dunkeln ohne Sicht, / Doch am Ende jedes Tunnels zeigt sich irgendwann ein Licht / Hinter einer Nebelwand, die langsam bricht, / Wie ein Phönix aus der Asche, / Steigst du endlich auf ins Licht.“ Der Song beendet eine musikalische Reise voller eindrucksvoller Momente. El Alemán spricht das aus, was vielen Menschen auf der Seele brennt. Sein Album ist eine treffende Zeitdiagnose, die durch starke Liedtexte besticht. Mal klingen sie finster und dann wieder heiter. Zum Nachdenken regen sie immer an.

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