23. Februar 2024

Lapaz und Bustek appellieren an etablierte Rapper

Die größten Kreativkräfte, lehrt uns die Geschichte, werden noch immer in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche freigesetzt. Wer einen Blick in die deutschsprachige Hip-Hop-Szene wirft, kann sich dessen ein weiteres Mal vergewissern. Im Zuge der Corona-Krise haben sich viele aufstrebende Sprechgesangskünstler der aktuellen Bevormundungspolitik angenommen und benennen die unzähligen sozialen Missstände. In ihren kritischen Texten beweisen sie, dass Hip-Hop seinen Ursprung in der Protestkultur hat.

Als ein solcher Rapper tut sich unter anderem der 39-jährige Lapaz hervor. Seit Beginn der Krise vor knapp einem Jahr hat er in Kooperation mit Kollegen wie Twanie, Qdenka oder Tburna mehrere Songs vorgelegt, die sich wortgewaltig mit dem Corona-Komplex auseinandersetzen. In ihnen beklagt der Sprechgesangskünstler aus Hessen die gesellschaftliche Kälte, die mediale Desinformation und den Verlust der Meinungsfreiheit. „Besser ist es, du passt auf, was du sagst / Denn passt deine Meinung nicht ins Bild, dann löscht YouTube deinen Kanal“, rappt er in «Maskerade». Lapaz’ Texte schlagen Alarm und wollen die Zuhörer wachrütteln. „Bilder im Kopf, Endzeit / Wer will heute noch Mensch sein“, heißt es etwa in «Brandherd».

Lapaz’ Werdegang

Sozialkritik hat Lapaz’ Musik schon immer ausgezeichnet – auch vor Corona. Die Karriere begann im Jahr 1998, als er, inspiriert von Kool Savas, zum ersten Mal Freestyle-Reime abfeuerte. Nach jahrelanger Übung kamen die ersten Erfolgsmomente. 2006 unterschrieb er als Mitglied des Duos Urbanise einen Plattenvertrag. Die Debütsingle hielt sich acht Wochen lang in der Top 40 der Media-Control-Charts. Es folgten TV-Auftritte und Radio-Touren. Später nahm das Duo an der Castingshow «X Factor» teil, bevor es schließlich zu einer Trennung kam. Seitdem macht Lapaz alleine Musik, nutzt aber jede Gelegenheit, Projekte mit anderen Rappern auf die Beine zu stellen

Lapaz

Das jüngste Beispiel ist ein Track mit dem Berliner Bustek. «Wo seid ihr» heißt ihre gemeinsame Single und richtet sich an etablierte Rapper. Wie zuvor ihr Kollege Phizzo bemängeln beide in dem Song, dass die Großen in der Szene angesichts der Ungerechtigkeiten während der Corona-Krise schweigen. „So viele Koryphäen, die ganz oben stehn / statt Werte zu vermitteln, animieren sie Kids zum Drogennehmen / Schützen ihr Portemonnaie, indem sie ihre Fresse halten / bloß nix Falsches sagen, sonst riskiern sie Kopf und Kragn“, lautet eine der markanten Zeilen. Dabei hätten sich einige seiner Vorbilder vor wenigen Jahren noch lautstark für die Freiheit eingesetzt, sagt Lapaz. Wer damit gemeint ist, lässt sich in dem Song schnell ausmachen: „Essahs Kritik am System hat ihn für mich zum wahren King gemacht / Warum jetzt so still? / Was hat ihn so blind gemacht? / Meinen tiefsten Respekt auch an Curse / Damals Freiheit gerappt, aber wieso schweigt er jetzt?“

Etablierte Rapper haben eine Vorbildfunktion

Die Funkstille dieser „Koryphäen“ wirkt auf Lapaz verwirrend. Das Thema Corona sei allgegenwärtig, sodass keiner daran vorbeikomme. Die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen müsste doch jedem ins Auge springen. Wenn Grundrechte als Privilegien deklariert würden, müssten jene Rapper, die sich einst für die Freiheit einsetzten, allmählich den Mund öffnen. „Mir geht da ein bisschen der Grundgedanke von Hip-Hop verloren“, sagt er. Kritik am System, wie sie Tupac Shakur in seinen Texten äußerte, haben das Musikgenre geprägt. Heute gehe es eher um Drogenkonsum, Schmuckaccessoires oder Gewaltverherrlichung.

Bustek

Dabei hätten etablierte Rapper eine gewisse Vorbildfunktion. „Viele Jugendliche schauen zu ihren Idolen auf“, so Lapaz. „Und viele Idole sind heute Rapper, weil Hip-Hop in Deutschland mittlerweile die Musikrichtung schlechthin ist.“ Was darin zum Ausdruck komme, gebe der Jugend die Richtung vor, weil sie sich an den proklamierten Grundsätzen orientiere. Anstatt sich mit Oberflächlichkeiten aufzuhalten, sollten Rapper mit Standing auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen. In Zeiten der Corona-Krise sei das dringlicher denn je. So sieht es auch sein Kollege Bustek. „Immer mehr Menschen verlieren ihre Existenz. Unsere Großeltern vereinsamen, unsere Kinder leiden“, sagt der 31-Jährige.

Wenn die Meinungsfreiheit mit Füßen getreten werde und die Wirtschaft den Bach untergehe, frage auch er sich, warum die Idole aus der deutschen Rap-Szene jetzt schweigen, wo doch genau das passiere, wovor sie einst selber gewarnt hätten – vor „einem System, mit dem bis heute die Gesellschaft gespalten wird“. In seinem Part lässt Bustek seine Zuhörer wissen, wen er da konkret meint: „Samys Kritik am System hat ihn für mich zum wahren Baus gemacht / Nach «Weck mich auf» da checkte auch der Letzte, wir sind aufgewacht / Doch 20 Jahre später ist davon nichts mehr zu hörn / Bis auf Xavier wurd mit «Weck mich auf» auf YouTube gesperrt“, rappt er. Deswegen wünsche er sich, dass diese Idole sich öffentlich äußern und ihre Meinung sagen, so wie sie es in der Vergangenheit getan haben. „Wo seid ihr, wenn man euch braucht?“, rappen Lapaz und Bustek in der Hook. „Weil ihr schweigt, sind wir doppelt so laut“.

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