Im Unterricht

Eine Kurzgeschichte

Lena war sich nicht sicher, ob Frau Mug mit ihr sprach oder mit der Klassenkameradin hinter ihr. Seitdem alle im Unterricht eine Maske tragen mussten, bekam sie nur die Hälfte mit. Die Sätze hörten sich gedämpft an, unverständlich und abgeschnitten. Es machte überhaupt keinen Spaß mehr. Ihr kam es vor, als säße sie hier nur, um die Zeit totzuschlagen. Sie lernte nichts mehr, spürte keinen Wissenshunger und verlor zunehmend das Interesse. Es ging ständig um Corona. Sie hörte nur noch von Hygieneregeln. Mal sollten sie alle fünf Minuten die Fenster öffnen, mal zwischen die Stühle einen Zollstock legen, um den Mindestabstand einzuhalten. Mal vor dem Unterricht zwei Mal die Hände mit Desinfektionsmittel waschen, mal vier Mal. In einer Woche durften sie in der Pause nur mit zwei Klassenkameraden spielen, in der nächsten Woche nur noch mit einem. Am Montag mussten sie sogar zu Hause bleiben und online am Unterricht teilnehmen. Lena hatte es satt, aufzuwachen und nicht zu wissen, was sie durfte und was nicht. Am allermeisten hasste sie diese Maske. Nach den ersten zwei Stunden wurde ihr immer so schwindlig, dass sie in der restlichen Zeit nur damit beschäftigt war, die Sekunden bis Schulschluss zu zählen. Mama und Papa sagten ihr, dass das immer noch besser war, als an Covid zu erkranken. Lena dachte lange darüber nach und konnte es trotzdem nicht verstehen. Bislang war ihr nichts passiert, obwohl sie fast täglich mehrere Stunden vor dem Haus mit Peter und Leyla spielte, ohne Maske.

Aber was wusste sie schon; sie war nur ein Kind. Wenn Mama und Papa ihr das sagten, musste es stimmen. Auch Frau Mug warnte sie, bloß nicht die Maske abzunehmen. „Die Maske schützt euch“, sagte sie immer. „Das ist erwiesen. Das sagen alle Experten.“ Wenn alle Experten das sagen, musste etwas dran sein. Deswegen trug sie weiter Maske, obwohl das Schwindelgefühl mit jedem Tag unerträglicher wurde. Sie versuchte seitlich ein- und auszuatmen, durch die kleine Lücke zwischen Unterkiefer und Ohr. Aber auch das war ungeheuer anstrengend. Sie musste ziehen und pusten, was die Mina neben ihr jedes Mal mitbekam. Weil sie ihre rollenden Augen nicht sehen wollte, versuchte Lena so leise wie möglich zu sein. Manchmal klappte es ganz gut. An anderen Tagen weniger, besonders, wenn sie sich aufgrund des Schwindelgefühls so schwach fühlte.

„Lena, hallo, Lena“, hörte sie Frau Mugs Stimme, die sie aus ihren Gedanken herausriss. „Magst du an die Tafel kommen.“ Zunächst glaubte sie, ‚Was machst du die Tage‘ verstanden zu haben, aber der ausgestreckte Arm der Lehrerin in Richtung Tafel bedeutete wohl, dass sie wieder einmal zeigen sollte, wo die Philippinen liegen. Lena stand auf und verlor ein wenig das Gleichgewicht, sodass sie sich an Minas Stuhl abstützen musste. Sie konzentrierte sich auf ihre Schritte, um nicht umzufallen. Langsam ging sie die Reihe zwischen den Tischen entlang, vorbei an Frau Mug, die sie nur verschwommen wahrnahm. Auf der Weltkarte an der Tafel erkannte sie zunächst die Umrisse der einzelnen Kontinente, dann auch ein paar Städte. Paris, Budapest, Tokyo und dort mussten die Philippinen sein. Als sie den Finger zur Karte führte, vernebelte sich ihre Sicht. Ihr wurde so schummrig vor Augen, dass sie glaubte, gleich umzufallen. In solchen Momenten, sagte ihr Mama immer, musste sie sich auf einen Punkt konzentrieren und Ruhe bewahren. Lena versuchte es sogleich und fühlte sich nach einer Weile sicherer auf den Füßen.

Als sie die Klasse wieder wahrnahm, hörte sie ein lautes Lachen, ein tönendes Kichern und Feixen. Was war passiert, fragte sie sich. Lena verstand die Aufregung nicht. In den vermummten Gesichtern ihrer Klassenkameraden konnte sie nicht erkennen, warum es ging. Sie hatte es verlernt, ihre Mimik zu deuten. Lena musste sich mehr und mehr auf ihre Ohren verlasen. Das Gehör war für sie zum wichtigsten Sinn geworden, mit dem sie sich im Unterricht zu orientieren versuchte. Als sie ihren Kopf wieder zur Weltkarte drehte und dorthin blickte, wohin ihr Finger gerade zeigte, wurde ihr alles klar. Plötzlich verstand sie das Gelächter, diese gemeine Strafe von Kindern, die sie genauso nicht ausstehen konnte wie solche Auftritte an der Tafel. Lena hatte die Philippinen weit verfehlt und auf Australien gedeutet. Oh nein, dachte sie und hörte, wie der Saal verstummte. Wieder suchte sie in den Gesichtern nach Hinweisen, aber sie sah nur aufgerissene Augen, die sie anstarrten, als wäre sie von einem anderen Stern. Lena blickte irritiert umher, nach links, nach rechts, zu Frau Mug, zur Tafel, zur Tür und dann auf den Boden. Dort bildete sich ein roter Fleck, er wurde größer und größer, mit jedem Tropfen, der von ihrer Maske wie durch einen Filter nach unten fiel.

Nicht schon wieder, ärgerte sich Lena. Seit sie sich mehrmals die Woche vor dem Unterricht selber testen mussten, passierte ihr das fünf Mal. Sie hasste diese Stäbchen genauso wie die Maske. Warum musste man das Ding bloß so tief hineinschieben? Würde Frau Mug nicht so genau hinschauen, hätte sie das Stäbchen nur ein bisschen am Rand gedreht. Aber die Lehrerin achtete darauf, dass die Kinder den Test korrekt durchführten. „Wir wollen doch kein Risiko eingehen“, sagte sie immer. „Nasenbluten ist das kleinere Übel“, waren ihre Worte, als Lena sie das erste Mal darauf hinwies. Mama und Papa wollte sie davon erst gar nicht erzählen. Für sie waren Tests sehr, sehr wichtig. „Nur so können wir das Virus besiegen“, bläuten sie ihr ein. „Teste dich so oft du kannst, Lena“, sagten sie immer. „Wir machen das auf Arbeit auch. Testen ist ein Akt der Solidarität.“ Mit jedem Bluttropfen, der nach unten fiel, bekam Lena weniger Luft. Das Rote auf dem Boden verwandelte sich in Lila und dann in ein buntes Knäul von Farben, die sie blendeten. Unter ihren Füßen schien die Erde zu beben; ihr Kopf kreiste wie ein Propeller, der sie nach oben zog. Schnell, Lena, schnell das Ding runtereißen, ging ihr durch den Kopf, als sie eine alarmierende Stimme unterbrach. „Nein“, hörte sie Frau Mug schrill schreien. „Nicht die Maske abziehen. Auf keinen Fall die Maske abziehen.“

Die letzten Worte klangen, als kämen sie von ganz weit her. Plötzlich fühlte sich alles so schwerelos an. Lena glaubte zu fliegen, in einem luftleeren Raum, der sich tosend ausdehnte. Unter sich spürte sie hartes Stuhlholz brechen und in kleine Stücke zerspringen, die auf den Boden eine Inselgruppe bildeten. Die Philippinen, jetzt sah Lena den Archipel ganz deutlich. Sie schwebte über ihm wie in einem Traum, zufrieden und glücklich. So musste das Paradies aussehen – ohne Menschen, ohne Regeln, ohne Corona, nur sie und das Gefühl, völlig frei zu sein. Lächelnd tastete sie ihr Gesicht ab. Keine Maske, endlich war sie diesen Lappen los, endlich. Während sich Lena rücklings treiben ließ, erschienen ihr Bilder, die im Zeitraffer aufeinanderfolgten. Wie im Film sah sie Szenen aus den Jahren, als sie noch ohne Angst in die Schule ging, als sie noch unbeschwert mit ihren Klassenkameraden spielte, als Frau Mug noch nett zu ihr war. „Lena, Lena“, unterbrach sie eine Stimme, die sich wie ein Eindringling in ihre Welt hineinschlich, lauter und lauter werdend. „Lena, Lena, wach auf …“ Als sie die Augen öffnete, schien alles in Rot zu leuchten, durch das sie Frau Mugs entsetzten Blick und den des Schulleiters sah. Was machte denn Herr Pampke hier, wunderte sich Lena. Warum schauten beide sie so an? „Sie muss sofort ins Krankenhaus“, hörte sie Frau Mug zu ihm sagen. „Das ist ein ganz klarer Fall von Post-Covid.“ Sie war vor vier Wochen positiv getestet worden.“

„Sieht so aus“, bestätigte Herr Pampke. „Wir müssen sie schleunigst aus dem Klassenraum bringen, um die anderen Kinder zu schützen. Nicht dass sie sich noch infizieren.“

„Auf jeden Fall. Am besten wir schicken sie zunächst alle auf den Schulhof, damit sie in Sicherheit sind.“

„Gute Idee!“

„Kinder“, ordnete Frau Mug an. „Geht bitte schnell raus und versammelt euch auf dem Schulhof. Ich komme gleich und hole euch wieder herein. Schnell, schnell!“

Auf dem Boden liegend, sah Lena viele kleine Füße an ihr vorbei durch die Tür rennen. Sie verstand die Panik nicht. Was hatte sie bloß getan? Und warum durften sie jetzt plötzlich so enganeinander laufen, wenn es doch normalweise verboten war? Es machte alles keinen Sinn. War sie jetzt eine Gefahr? Und warum nur für die Kinder, aber nicht für Frau Mug und Herr Pampke, die sich gerade eine zweite FFP2-Makse über die erste stülpten.

„Setz ihr schnell auch eine neue auf und wische vorher das Blut weg“, sagte der Schulleiter. „Aber pass auf, dass du nicht zu nah an sie herankommst. Vorsichtig, vorsichtig.“

Lena wusste nicht, wie ihr geschah. Sie kam sich wie eine Puppe vor, an der herumhantiert wurde. „Nein, bitte, keine Maske, keine Maske“, schrie sie. „Das muss sein, Lena, bleib bitte ruhig“, entgegnete ihr Frau Mug. „Nimm sie an den Füßen, ich greife mir die Arme.“ Lena begann, sich zu winden. „Halte still“, sagte Herr Pampke mit lauter Stimme. „Das ist zu deinem Besten und zum Schutz aller. Ruhig jetzt, es ist gleich vorbei.“ Lena wollte nicht so leicht aufgeben, aber die Lehrerin und der Schulleiter konnten sie fixieren und wegtragen. Dann ging alles ganz schnell. Innerhalb weniger Sekunden fand sie sich in Herr Pampkes Büro wieder, wo Frau Mug hastig zum Telefon griff. „Guten Tag, Herr Sehnefeld. Hier spricht Frau Mug“, hörte Lena sie sagen. „Ihre Tochter ist im Unterricht umgekippt. Klarer Fall von Post-Covid. Bitte holen Sie sie ab. Sie muss sofort ins Krankenhaus, sie muss sofort in Quarantäne.“  

Titelbild: Pixabay/Marcos Cola

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