«I wie Ikarus» – Französischer Filmklassiker über die Mechanismen der Macht

2G-Kontrollen in Einzelhandel und Gastronomie, Polizeieinkesselungen bei friedlichen Spaziergängen, Maskenpflicht-Durchsetzungen im öffentlichen Nah- und Fernverkehr: Die Situation in Deutschland bestätigt die Ergebnisse des berühmten Milgram-Experiments, bei dem 1961 getestet wurde, inwieweit durchschnittliche Personen bereit sind, völlig sinnlose Anweisungen von Autoritäten zu befolgen, auch wenn diese in einem direkten Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Sehr weit – so viel konnte der Urheber Stanley Milgram in Erfahrung bringen. Wie sein Experiment im Einzelnen funktioniert, veranschaulicht eine Sequenz in dem Film «I wie Ikarus», einem französischen Thriller aus dem Jahr 1979, der sich als Anklage gegen Obrigkeitsglauben und moralische Gleichgültigkeit des Einzelnen verstehen lässt.

Regisseur Henri Verneuil richtet seinen Plot nach den Ereignissen rund um das John F. Kennedy-Attentat aus, nutzt diese Struktur aber, um auf einer höheren Ebene die Mechanismen der Macht offenzulegen. Wie im Fall des realen US-Präsidenten wird das französische Staatsoberhaupt Marc Jary von einem unbekannten Scharfschützen erschossen. Kurz darauf soll er sich selber das Leben genommen haben. Dass diese offizielle Geschichte mit der Wahrheit nichts zu tun hat, erzählt Verneuil gleich zu Beginn in eindeutigen Bildern, die kein Geheimnis aus dem Komplott machen. Das tun lediglich die Drahtzieher, die der Generalstaatsanwalt Henri Volney (Yves Montand) zu enttarnen versucht.  

Manipulierte Untersuchungsergebnisse und fabrizierte Beweise

Wie mehrere ranghohe Staatsvertreter gehört er einer Untersuchungskommission an, zweifelt aber als Einziger das Resultat an und stellt daraufhin persönliche Nachforschungen an. Dass Volney mit seinen Recherchen der Wahrheit immer näherkommt, ist durchaus vorhersehbar. Als viel interessanter erweist sich der Weg dorthin, der viele kleine Stationen enthält, an denen Regisseur Verneuil die Funktionsweise von Herrschaft thematisiert. Es geht um plötzliche Sterbefälle von Augenzeugen und manipulierte Untersuchungsergebnisse, um gängige Narrative wie die Einzeltätertheorie und die fragwürdige Rolle von Geheimdiensten, um fabrizierte Beweise und jede Menge Ungereimtheiten, die zumindest kritische Zuschauer aus bekannten internationalen Fällen kennen dürften.

Generalstaatsanwalt Volney / Foto: Screenshot

Für einen Aha-Effekt sorgt auch eine Aussage des Generalstaatsanwalts: „Das würde also bedeuten, dass auch in einem zivilisierten Land mit einer liberalen, demokratischen Verfassung“, sagt er, kurz nachdem ihm ein Psychologe die Ergebnisse des Milgram-Experiments erläutert hat, „zwei Drittel der Bevölkerung ohne zu fragen und ohne zu überlegen alle Befehle ausführen würden, die sie von einer übergeordneten Macht bekämen.“ Diese Schlussfolgerung bewahrheitet sich während der Corona-Krise ein weiteres Mal. Ungefähr der gleiche Anteil der Bevölkerung folgt dem Regierungskurs, trägt brav Masken und lässt sich mehrmals impfen, egal wie groß die Widersprüche im offiziellen Narrativ sind.

Der Ikarus-Mythos

Diese knapp 70 Prozent sind so obrigkeitshörig, dass sie sich dazu hergeben, Kritiker und Andersdenkende zu diffamieren. Mit einem Ende des Gehorsams, so das Milgram-Experiment, ist nur dann zu rechnen, wenn sich die Autoritäten streiten, wenn an der Spitze der Hierarchie Uneinigkeit herrscht. Momentan deutet wenig darauf hin. Und auch in «I wie Ikarus» läuft die Machtmaschinerie wie geschmiert. Bei seinen Nachforschungen stößt Generalstaatsanwalt auf Indizien, dass in das Mordkomplott das organisierte Verbrechen genauso involviert ist wie der Geheimdienst. Letzterer soll sogar in staatsterroristische Aktivitäten verwickelt sein.

Schließlich erfährt er von der Operation «I wie Ikarus», die anscheinend auf seine eigenen Untersuchungen abzielt. Die Bezeichnung verweist auf das Schicksal der mythologischen Figur Ikarus, die mit selbstgebastelten Flügeln aus Übermut so hoch hinaufstieg, dass die Sonne das Wachs der angehefteten Federn schmelzen ließ und schließlich einen Absturz bewirkte. Wie viel Wahrheit in diesem Mythos steckt, erfahren die Zuschauer am Ende des Films, als Volney seine Frau anruft und sie danach fragt, was ihr zu Ikarus einfällt. „Wenn die Sonne als Symbol der Wahrheit genommen wird“, sagt sie daraufhin, „so habe Ikarus seine Flügel verloren, weil er der absoluten Wahrheit zu nahe gekommen sei.“ In diesem Augenblick wird der Generalstaatsanwalt von einem Scharfschützen erschossen.

Titelbild: Screenshot

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