23. Februar 2024

Heilsbringer – Schonungslose Gesellschaftskritik mit elektrischem Rock

Als die Bundesregierung im März letzten Jahres die harten Corona-Maßnahmen verhängt hatte, fühlten sich nicht wenige Künstler in ihrer Kreativität gehemmt. Die Freiheitseinschränkungen nahmen ihnen genauso die Kraft wie die trüben Aussichten für die folgenden Monate. Vielen war bereits zu dem Zeitpunkt klar, dass sie wohl sehr lange nicht auftreten dürfen. So erging es auch dem Berliner Rock-Sänger Heilsbringer. „Mir sind Einnahmen im sechsstelligen Bereich verloren gegangen“, sagt er. „Ich war völlig lahmgelegt und begab mich musikalisch in einen Kreativstreik.“

Bis der Musiker ihn beendet hat, vergingen mehrere Monate. Zuvor nahm er an sämtlichen Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen teil, reiste querbeet durch Deutschland und betätigte sich als Aktivist. Dann ging alles sehr schnell. Eines Morgens wachte er auf und hatte «Killing in the Name» von Rage Against the Machine im Ohr. Der Protestsong inspirierte ihn dazu, die Grundstruktur formal zu übernehmen, den Inhalt aber an die gegenwärtige Situation anzupassen. Innerhalb weniger Stunden entstand das Lied «Im Namen von Frau Merkel», ein energetisches Stück, das die autoritäre Bevormundungspolitik provokant zum Ausdruck bringt.

In der Kürze liegt die Würze

Der Song enthält nur wenige Zeilen, doch die haben es in sich: „Hör mal zu, ich bin wichtig / Die Maske sitzt nicht richtig / Hör mal zu … der Lappen sitzt … / Schau mal her, ich bin wichtig / Schieb mal das Ding jetzt richtig.“ Dann folgt eine zweifache Wiederholung der Titelzeile, bis jeweils mehrere Male die Imperative „Und jetzt tu was ich sage“, „Und du tust, was ich sage“, „Tu mal das, was ich sage“ wie aus der Pistole geschossen kommen. Es sind Wortsalven, die sich mit musikalischen Schlägen abwechseln. In der Kürze liegt die Würze, das beweist der Song auf eindrucksvolle Weise.

Als Heilsbringer das Lied zum ersten Mal auf einer Querdenken-Demo in Berlin sang, geriet die Menge außer sich. Die gleiche Reaktion gab es bei der Veranstaltung der Initiative «Berliner Kunst und Kultur trifft sich». Den größten Effekt hatte der Song bei den späteren Auftritten auf der Freedom Parade, wo Polizisten die Zeilen persönlich nahmen und nicht nur die Musik abschalteten, sondern auch den Organisator Captain Future verhafteten. Heilsbringer musste ihm zur Seite springen und den Gesetzeshütern erklären, dass sich das Lied auf das gesamtgesellschaftliche Blockwartgehabe beziehe: „Es ist auf alle gemünzt, die im Namen der Regierung kontrollieren und denunzieren“, sagt er. „Und die Regierung – das ist Frau Merkel. Alle anderen Instanzen haben ihre Macht abgegeben, allen voran das Parlament.“

Heilsbringer bei einer Demonstration

Derart politische und gesellschaftskritische Töne sind in seiner künstlerischen Arbeit neu. Vor Corona machte er ganz normale Unterhaltungsmusik, verbreitete gute Laune und widmete sich unbeschwerten Themen. Angefangen hat es auf Karaoke-Bühnen, als er merkte, dass sein Gesang die Leute erreichte. Nachdem er lange Zeit hobbymäßig komponiert und diverse Instrumente gespielt hatte, beschloss er 2003, Musik professionell auszuüben. Seitdem ist er als freischaffender Künstler aktiv. Im Laufe der mittlerweile fast zwanzig Jahre spielte er in unterschiedlichen Bands, trat solo auf und betätigte sich als DJ. Kurzum: Er hatte überall seine Finger im Spiel, wo es um Rock ging.

Gesellschaftskritische Musik

War seine künstlerische Tätigkeit in diesen Jahren noch vornehmlich darauf ausgerichtet, das Publikum zu bespaßen, so dient sie mittlerweile der kritischen Auseinandersetzung mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen. „Jetzt nutze ich die Musik, um meine Meinung zu äußern“, sagt er. „Und Rock ist ein guter Kanal für Wut.“ Dieser Einschnitt macht sich nicht nur in seiner Musik, sondern auch in seinem Pseudonym und Outfit bemerkbar. Während er früher unter anderem als Mikey Cyrox auftrat, trägt er seit «Im Namen von Frau Merkel» den Künstlernamen Heilsbringer. Optisch korrespondiert dieser mit einem schwarzen Kapuzenumhang und einer Gasmaske, die mehrere Schläuche enthält.

Eigentlich kommt der Begriff Heilsbringer aus dem religiösen Raum, lässt sich aber auch auf die gegenwärtige Politik anwenden, meint der Musiker. „Die Volksvertreter spielen sich wie Heilsbringer auf.“ Den gleichen Titel soll sein nächstes Album tragen. Es ist ein Projekt, das darauf abzielt, die Politik zu entblößen. Der Berliner Rocker arbeitet bereits fleißig an den jeweiligen Musikstücken, die sich Themen wie Impfung, Machtbegrenzung oder Leugnung annehmen. „Es wird ein martialisch-kritisches, ein sarkastisch-zynisches und tiefenphilosophisches, ja tiefenpsychologisches Album werden“, verspricht er.

Das Projekt hebt die Selbstbestimmung hervor, so wie es «Im Namen von Frau Merkel» in den letzten Zeilen tut. Dort feuert Heilsbringer die wichtigste Botschaft ab: „Schäm dich, ich mach nur, was ich denke / Schäm dich, ich brauch Luft und ich denke / Schäm dich, fang auch du an zu denken / Schäm dich, ich kann selber denken“ – jede Zeile vier Mal hintereinander. Aber mit Worten lässt sich das nur schwer beschreiben. Man muss das Lied hören.

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