17. Oktober 2021

Lyriker Christoph Köhler dichtet über die Absurdität der Corona-Maßnahmen

Am lautesten hat sich die Corona-Kritik bislang in der Musik ausgedrückt. Das liegt an den spezifischen Eigenschaften dieser Kunstart, zu denen auch die Fähigkeit gehört, mehr Menschen auf einmal zu erreichen. Musik weckt Emotionen und lädt zum Tanzen ein. Sie verschafft sich einfach schneller Gehör – schneller als die Literatur zumindest. Doch das heißt nicht, dass es in diesem Genre keine kritischen Stimmen gibt. Das Gegenteil ist der Fall, wie der Lyriker Christoph Köhler beweist. Seit Frühjahr 2020 setzt sich der Karlsruher in mehreren Gedichten mit der Corona-Situation auseinander und versucht, seine Gedanken wortgewandt wiederzugeben.

Die ersten Werke entstanden kurz nach dem ersten Lockdown, als Köhler das Bedürfnis verspürte, wieder zu schreiben. Bis dahin war ihm das schon lange nicht passiert. Der Stift ruhte gute drei Jahre lang. Doch dann wurde Corona zu einem Ventil, die neuen Emotionen zu verarbeiten. Der Lyriker nahm sich des Themas Kontaktsperre an und schrieb jeden Tag ein Gedicht, das er anschließend den Pfarrern in seiner Gemeinde zukommen ließ. „Es war ein zwischenmenschliches Motiv“, erklärt er diese Geste. „Sie haben jeden Tag einen Gottesdienst abgehalten, obwohl es kein Publikum gab.“ Das beeindruckte ihn, weshalb er sich vornahm, darüber zu reflektieren, was in ihm entsteht. Am Ende wurde es ein Zyklus aus 20 Gedichten, in denen die Kontaktsperre nicht nur unter den Aspekten der Spiritualität, Vereinzelung und Einsamkeit, sondern auch im Hinblick auf Naturwahrnehmung betrachtet wird.

Lyrik als offener Prozess

Diese Grundbausteine finden sich etwa in dem Werk «An die Entscheider»: „Die Sonne, sie / erzählt das Rechte / von Wärme und Nähe. / Öffnet Eure Ohren, / Ihr Social-Distance-Verordner!“, heißt es in der ersten Strophe. „Der Wind, er / lässt spüren das / All-Einende. / Spürt ihn auf der Haut / verirrte Menschenfreunde! / Die Pflanzen, sie / rufen Euch zu / vom Wesen des Lebens. / Ergründet es, / auf dass Ihr wachset.“ Köhler geht bei seiner Arbeit nicht programmatisch vor. Er plant nicht, sondern handelt situativ und lässt sich von seiner Intention leiten. „Ich begebe mich in einen Ruhezustand“, erklärt der Lyriker. „Das Gedicht darf einfach entstehen“, wobei er sowohl formal als auch inhaltlich offenbleibe. Er achte aber auf den Klang. Für einen ausgebildeten Schauspieler wie ihn ist es wichtig, dass Literatur sich gut rezitieren lässt.

Christoph Köhler

Dass Köhler die Ruhe zum Schreiben fand, verdankt er der Corona-Auseinandersetzung selbst. Wie so viele verspürte er anfangs eine gewisse Unsicherheit. „Ich befand mich in einem Schwebezustand“, erinnert sich der Lyriker. Zu jener Zeit herrschte Panik. Fallzahlen und Totenstatistiken prägten die Schlagzeilen. Doch während Köhler schrieb, merkte er, dass in ihm keine Angst entstand. Aus Unsicherheit wurde Ruhe. Aus dieser leichten Veränderung heraus begann er, sich auch jenseits des Mainstreams zu informieren. Das führte zu der Erkenntnis, dass das Virus nicht gefährlich ist.

Beschäftigung mit dem Absurden

Im Rückblick lässt sich dieser Moment als Einschnitt bewerten. Köhler verfolgte seinen Zyklus nicht mehr weiter, sondern schrieb nur noch einzelne Gedichte, die in ihrer Kritik etwas schärfer wirken. In den Vordergrund rückt die Absurdität der Maßnahmen. Ein gutes Beispiel ist das Stück «Verweilverbotszone». „Dass das Absurde / keine Grenzen / kennt / ist doch bekannt“, heißt es darin. „Doch dass die Wirklichkeit / zum Absurden wird, / das Absurde / zur Wirklichkeit / weniger, / und dass Politiker und Wissenschaftler / zu Hanswursten werden / zu Till Eulenspiegels / zu Hofnarren, / und dass dies / ganz wie im echten Theater / im Handumdrehen / (Saallicht aus und Vorhang auf) / geschehen könnte, / war mir so / wie es jetzt passiert / noch unbekannt.

Das Absurde beschreibt Köhler mit der Spannung zwischen zwei Polen. „Sie führt die Widersprüche vor Augen“, sagt er. „Das Absurde ist eine Art Scheinwerfer“, der auf die Wirklichkeit zeige. Im Laufe seiner Beschäftigung mit der Corona-Politik habe er viele Absurditäten festgestellt. Dazu zähle unter anderem die Impfkampagne. Auf der einen Seite werde dafür engagiert geworben, auf der anderen Seite gebe es Wissenschaftler, die sagen, dass man nie in eine Pandemie hineinimpfen sollte. Das sei genauso absurd wie das Narrativ, die Maßnahmen dienten dazu, alle gesund zu erhalten. „Dabei hatten sie eine verheerende Wirkung“, so Köhler. „Die Wirtschaft wurde an die Wand gefahren. Die Zahl der Suizide ist gestiegen. Und es gibt mehr häusliche Gewalt.“

Die Maßnahmen hätten im Ergebnis zu einer gesellschaftlichen K.O.-Situation geführt, sagt der Lyriker. Diesen Gedanken hat er in einem Gedicht besonders kreativ herausgestellt, wobei sich das Absurde an den Maßnahmen vor allem auf der Sprachoberfläche zeigt: „Kontaktsperre – / Kon Takt Sperre – / Kont Akt Sperre – / K On Takt Sperre – / K On T Akt Sperre – / K On T Akt Sper Re – / K On T Akt Spe R Re – / K On T Akt S Pe R Re – / KO n T Akt S Pe R Re – / K O n T Akt S Pe R Re – / K.O. n T Akt Spe R Re – / K.O. n T Akt Sper Re – / K.O. n T Akt Sperre – / K.O. n‘ Takt Sperre – / K.O. n‘ Takt Sperre – / K.O. n‘ Takt Sperre – / … … … / K.O.!“ Pointierter kann man das nicht zum Ausdruck bringen.

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